Wollen Frauen führen?

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Von Rolf van Dick
17. April 2013

Herrhausen hat seine Aussage vor allem auf sich selbst bezogen und damit seinen Anspruch auf einen Sitz im Vorstand und später auf die alleinige Position als Vorstandssprecher betont. Er hat aber wohl auch für alle Männer gesprochen, die etwas bewegen wollten. Dass Männer führen können, wenn sie wollen, scheint in unserer Gesellschaft unstrittig. Aber wie sieht es mit Frauen aus? Können sie führen? Und wollen sie führen?

Fehlende Vorbilder: Frauen führen besser, aber die Motivation zu Führen ist noch nicht stark ausgeprägt.
Corbis

Fehlende Vorbilder: Frauen führen besser, aber die Motivation zu Führen ist noch nicht stark ausgeprägt.

Zunächst zum Können. In der moderneren Führungsforschung gibt es seit Anfang der 90er Jahre Studien, die systematisch untersucht haben, ob Männer oder Frauen die besseren Führungskräfte sind. Und bereits vor zehn Jahren haben die US-amerikanische Wissenschaftlerin Alice Eagly und ihre Kolleginnen insgesamt 45 dieser Studien zum Thema mit Daten von cirka 30.000 Frauen und Männern ausgewertet (siehe Managerinnen: Im Labyrinth der Karriere). Mit dem Ergebnis, dass Frauen im Durchschnitt etwas besser führen als Männer. Die Unterschiede waren nicht riesig, aber sehr konsistent über alle Studien hinweg und insbesondere bei der intellektuellen Anregung und der Motivation von Mitarbeitern sind die Frauen eindeutig im Vorteil. Frauen können es also! Warum sind sie dann nicht stärker in Führungspositionen vertreten?

Wir wollten in unseren Studien feststellen, ob Frauen vielleicht weniger motiviert sind, Führungsverantwortung zu übernehmen. Gemeinsam mit Alina Hernandez Bark (Goethe-Universität Frankfurt), Sebastian Schuh (Jiao Tong Universität Shanghai), Niels van Quaquebeke (Kühne Logistics University Hamburg) sowie Rüdiger Hossiep und Philip Frieg (beide Ruhr Universität Bochum) haben wir in 2009 und 2010 ingesamt vier Studien unter Einsatz verschiedenster Methoden zur Messung von Führungsmotivation durchgeführt. Alle Ergebnisse zeigen, dass Frauen eine durchgängig geringere Führungsmotivation haben. Zum Teil erklärt das auch, warum sie weniger Führungsverantwortung haben.

Vier Studien, ein Ergebnis

In der ersten Studie haben wir 240 Studierende mit einem Test zur Messung berufsbezogener Persönlichkeitsmerkmale untersucht. Der Test enthält eine Reihe von Aussagen, die die Teilnehmer danach bewerten sollen, wie sehr sie auf sich selbst zutreffen. Unter anderem fand sich dort eine Skala zur Erfassung von Führungsmotivation. Diese misst, ob der oder die Befragte Führungsverantwortung wahrnehmen möchte. Eine Beispielaussage lautete: "Ich übernehme gerne Verantwortung für wichtige Entscheidungen". Unsere Analyse zeigt einen deutlichen Unterschied zwischen den männlichen und den weiblichen Befragten, Männer äußerten eine stärkere Führungsmotivation.

In der zweiten Studie haben wir 60 Studierende untersucht und sie zu Beginn des Semesters nach ihrer Motivation zu führen gefragt. Diesmal haben wir eine in den USA entwickelte Skala verwendet, mit Fragen wie "Ich bin jemand, der gerne Verantwortung für andere übernimmt". Wieder ergab sich ein Unterschied in der Führungsmotivation zugunsten der Männer. Wir haben die Studierenden dann in kleinen Gruppen von drei bis fünf Personen ein Semester lang gemeinsam eine Aufgabe bearbeiten lassen und sie nach sieben Wochen gebeten, jedes andere Mitglied ihrer Kleingruppe in Bezug auf Führungsverhalten einzuschätzen. Wir stellten Fragen wie zum Beispiel "Wie viel Führung hat das jeweilige Gruppenmitglied gezeigt?" oder "Wie stark hat das Gruppenmitglied die Aktivitäten der Gruppe kontrolliert?" Unsere Analysen zeigten, dass den männlichen Teilnehmern auf diesen Fragen mehr Führungsverhalten attestiert wurde - und der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Studierenden ließ sich durch die Unterschiede in der Führungsmotivation erklären. Dies bedeutet, dass die geringere Führungsmotivation von Frauen zu Beginn der Studie zu etwa 26 Prozent verantwortlich dafür war, dass Frauen später in den Kleingruppen auch weniger als Führungskräfte angesehen wurden.

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