Vorsicht bei Best Practice!

Strategie:

Von Freek Vermeulen
8. März 2013

Zeitungen wurden viele Jahrzehnte lang im großen Format gedruckt. Es war nicht etwa billiger, auf übergroßen Papierbögen zu drucken. Nein, die Herstellung war für die Verlage sogar teurer als die Produktion im kleineren, so genannten Tabloid-Format. Warum aber bestanden die Verlage darauf, ihre Nachrichten auf den unpraktischen, großen Bögen herauszubringen? Warum nutzen sie keine kleineren Formate? Die Verlage setzten einfach voraus, dass die Kunden das nicht wollten - Qualitätszeitungen hatte großformatig zu sein, glaubten die Verlage.

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Corbis

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Als aber im Jahr 2004 die britische Zeitung "Independent" auf das lange verschmähte Tabloid-Format umstellte, steigerte sie ihre Auflage stark. Andere Zeitungen in Großbritannien und weiteren Ländern folgten prompt und konnten ihre Auflagen ebenfalls erhöhen. Die Kunden wollten offenbar kleinformatige Zeitungen - die Verlage hatten sich geirrt.

Ich fragte mich, warum die Verlage eigentlich überhaupt angefangen hatten, ihre Zeitungen auf unpraktischen, großen Bögen zu drucken. Es stellte sich heraus, dass der Ursprung in England lag. Die englische Regierung hatte 1712 damit begonnen, Zeitungen auf der Basis ihrer Seitenzahl zu besteuern. Folgerichtig druckten die Verlage ihre Zeitungen auf großen Papierbögen, um mit möglichst wenigen Seiten auszukommen. Obwohl die Steuer im Jahr 1855 wieder abgeschafft wurde, druckten die Verlage weiterhin im unpraktischen Großformat. Sie hatten sich so an die Größe ihrer Zeitungen gewöhnt, dass sie sich kein anderes Format mehr vorstellen konnten. Damit lagen sie falsch. Diese Gewohnheit hatte die Weiterentwicklung ihres Geschäftsmodells um viele Jahre verzögert.

Jeder tut es

Die meisten Unternehmen wenden so genannte Best-Practice-Lösungen an. Viele Firmen einer Branche folgen diesen Praktiken oftmals über Jahre. Allein diese Tatsache führt die Verantwortlichen in der Industrie zu der Annahme, dass es automatisch auch der beste Weg sei. Als ich die Geschäftspolitik eines Unternehmens hinterfragte, antwortete ein Manager: "Jeder in unserer Branche macht es so und hat es auch immer so gemacht. Die Methode wäre längst verschwunden, wenn sie nicht die beste wäre. Da bin ich mir ganz sicher."

Auch wenn sich die Schlussfolgerung intuitiv richtig anhört, ist sie dennoch falsch. Natürlich handeln Manager in bester Absicht, wenn sie nur bewährte Verfahren einführen. Doch diese Methoden schaden manchmal mehr als sie nützen - ohne dass die Verantwortlichen es ahnen.

In vielen Fällen ist es schwierig, die Ineffizienz einer Methode zu erkennen. Das liegt daran, dass sie tatsächlich einmal sinnvoll war. Natürlich waren großformatige Zeitungen für die Verlage nützlich, als Zeitungen nach ihrer Seitenzahl besteuert wurden.

Wenn sich aber die Rahmenbedingungen verändern und die Methode ineffizient wird, erinnert sich niemand mehr. Jeder folgt dem einmal eingeschlagenen Pfad. Genau deshalb ist es so schwierig zu erkennen, dass eine andere Methode sinnvoller wäre.

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