Sitzen ist das neue Rauchen

20. Februar 2013

2. Teil: Die kreativste Zeit

Mein grundsätzliches Problem mit körperlichem Training war immer das Folgende: Es fraß Zeit, die mir dann bei anderen "produktiveren" Dingen fehlte. Ins Fitnessstudio zu gehen, kam mir egoistisch vor: Schließlich kümmerte ich mich dort nur um mich, nicht um meine Arbeit, meine Freunde oder Familie. Meine puritanische Arbeitsauffassung setzte sich fast immer durch. Schließlich erkannte ich, dass ich beides zur selben Zeit tun konnte. Indem ich körperliche Aktivität zu einem integralen Bestandteil des Meetings machte, kam ich endlich zu mehr physischen Training. Ich musste nicht mehr meine Gesundheit zugunsten meiner Arbeit vernachlässigen, oder andersherum. Vielleicht war das der springende Punkt, warum es kein Problem mehr darstellte, körperliche Fitness zu einer meiner Prioritäten zu machen. Es war so einfach, wie durch eine Tür zu gehen und kostete nicht mehr Überwindung, als andere Schuhe anzuziehen.

Aber Vorsicht: Einige Menschen können Sie runterziehen. Ungefähr 30 Prozent der Leute, die ich zu einem solchen Meeting einlade, sagen, dass sie sich nicht fit genug fühlen. Eine Person sagte mir nach einem Meeting, dass sie sich einen ganzen Monat vorbereitet habe, um sich nicht zu blamieren. Ich verurteile die Leute nicht, die ein solch sportliches Meeting ablehnen. In den meisten Fällen würde ich dann ein anderes Treffen vorschlagen (Mittagessen oder was auch immer). Aber das ganze erinnert mich auch an die Forschung von James Fowler und Nicholas Christakis und ihr Buch "Connected". Sie zeigen, dass Fettleibigkeit sich in Netzwerken verbreitet: Wenn ein Freund eines Freundes eines Freundes an Gewicht zulegt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie selbst schwerer werden. Wenn dieser entfernte Bekannte Gewicht verliert, stehen die Chancen nicht schlecht, dass Sie auch abnehmen - selbst dann, wenn Sie nicht einmal in der gleichen Stadt wohnen. Mein Ziel ist es, die folgende Botschaft zu verbreiten: Körperliches Training ist immens wichtig. Jeder von uns ist es wert, auf seine eigene Gesundheit zu achten.

Nach einigen Hundert solcher Meetings habe ich einige unerwartete Nebeneffekte festgestellt. Ich kann tatsächlich besser zuhören, wenn ich neben jemand anderen laufe, als wenn wir uns zum Beispiel in einem Cafe gegenübersitzen. Es ist ein Vorteil, Seite an Seite zu sein: Das führt dazu, dass wir Probleme oder Ideen direkt vor uns sehen und gemeinsam daran arbeiten können.

Zweitens bleibt durch die Bewegung das Handy meist in der Tasche. Ungeteilte Aufmerksamkeit ist heute vielleicht die knappste Ressource überhaupt. Meine Art des Meetings erlaubt es mir, diese Ressource sehr zielgenau einzusetzen.

Zudem sind solche Meetings fast immer ein positives Erlebnis. Sehr oft sagen Leute (insbesondere diejenigen, die sich in der Vergangenheit gegen solche Meetings gesträubt haben): "Das war die kreativste Zeit, die ich seit langem hatte". Dies könnte daran liegen, dass wir uns draußen aufhalten und uns bewegen. Studien belegen, dass Bewegung gut für unser Gehirn ist.

Wenn Sie wirklich unkonventionell denken wollen, müssen Sie konventionelle Bahnen verlassen. Gehen Sie raus in die Natur: Ich bin wacher und aufnahmebereiter für alles, was um mich herum passiert, wenn ich die Hitze des Sommers oder die Kälte des Winters spüre. Es schärft meine Sinne für die Welt um mich herum - viel intensiver, als wenn ich isoliert davon bin.

Um die Gewohnheit beizubehalten, habe ich für diese Meetings feste Zeiten in meinem Kalender reserviert: In der Woche zwei Morgentermine zum Wandern (wenn ich danach die Möglichkeit habe, zu duschen) und zwei Termine am frühen Abend. Ich nutze diese Termine für Meetings, bevor ich normale Besprechungen ansetze. So habe ich keine Entschuldigung, mich an diesem Tag nicht zu bewegen. Ich bin den ganzen Tag über wacher und gehe mit klarerem Kopf in den Feierabend. An den seltenen Tagen, wenn jemand in letzter Minute ein solches Walking-Meeting absagt, gehe ich trotzdem raus. Manchmal habe ich bei diesen Gelegenheiten die besten Ideen.

Zu den Autoren
Nilofer Merchant ist Mitglied der Geschäftsleitung eines börsennotierten Unternehmens und lehrt an der Stanford Universität. Zuvor war sie Gründerin und CEO des Unternehmens Rubicon. Unter anderem war sie für Apple und Autodesk tätig. Sie ist Autorin des Buches "The New How" und "11 Rules for Creating Value in the Social Era" (Link b). Sie twittert regelmäßig unter @nilofer.

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