Da passt etwas nicht!

Kommentar:

Von Martin-Niels Däfler
15. Februar 2013

Zu Anfang dieses Jahres veröffentlichte der Deutsche Gewerkschaftsbund die Studie"Psycho-Stress am Arbeitsplatz". Demnach fühlen sich 56 Prozent der Beschäftigten stark oder sehr stark am Arbeitsplatz gehetzt. Das Ergebnis überrascht kaum. Diverse Krankenkassen und andere Institutionen haben schon länger und wiederholt alarmierende Zahlen verkündet: Demnach nehmen die stressbedingten Krankheiten rapide zu.

Bürohochhaus: Eine Gesellschaft, die niemals still steht
Corbis

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Dem gegenüber steht eine Studie der Deutschen Universität für Weiterbildung, die uns wissen lässt, dass sich elf Prozent der Erwerbstätigen beruflich unterfordert fühlen. Eine Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services hat einen ähnlich hohen Wert ermittelt - zehn Prozent der Befragten gaben an, sich bei der Arbeit zu langweilen. Verstörend wirken weitere Studienergebnisse. So hat der Hightech-Verband Bitkom herausgefunden, dass jeder zweite Berufstätige das Web während der Arbeit für private Zwecke verwendet.

Eine Umfrage der Softwarefirma Clearswift lieferte noch höhere Zahlen, zumindest für die Altersgruppe der 25 bis 34-Jährigen: 57 Prozent erledigen private Aufgaben - wie das Checken ihrer sozialen Netzwerke und Online-Einkäufe - während der Arbeitszeit. Und nahezu jeder Beschäftigte führt regelmäßig Privattelefonate in der Firma. Ich habe das Gefühl: Da passt etwas nicht!

Ein Teil der Widersprüche lässt sich sicherlich durch die Heterogenität der Studienmethoden erklären. Naheliegend ist auch, dass die Untersuchungsdesigns - um es vorsichtig zu formulieren - immer auch von den Intentionen der Fragenden geleitet werden. Dennoch muss es eine veritable Schnittmenge geben: Nämlich Mitarbeiter, die einerseits über eine enorme Arbeitslast und Hetze klagen, andererseits aber immer noch genügend Zeit finden, im Büro den Urlaub zu buchen, nachzuschauen, was die Freunde auf Facebook schreiben oder mit Mutti zu telefonieren.

Also: Sind wir wirklich so gehetzt, wie es DGB, AOK & Co. immer wieder behaupten oder widersprechen sich die aufgeführten Studien in Wirklichkeit gar nicht? Vielleicht ist es so, dass sich überlastete Arbeitnehmer einfach dadurch revanchieren wollen, indem sie bewusst private Aufgaben am Arbeitsplatz erledigen. Gemäß der Devise: "Wenn der Chef mir so einen Stress macht, dann habe ich auch das Recht, mal etwas für mich zu tun".

Sicherlich nehmen sich Mitarbeiter hin und wieder mit dieser Argumentation Zeit für ihre persönlichen Bedürfnisse, aber als alleinige Erklärung reicht das kaum. Ich denke: Viel eher haben die gegensätzlichen Umfragebefunde etwas mit unserem Stressempfinden beziehungsweise mit der zeitgeistbedingten Interpretation von Stress zu tun.

Der Schweizer Historiker Patrick Kury spricht in seiner Habilitationsschrift zu Recht von Stress als einem "wissenschaftlichen und medialen Großereignis" und zeichnet die Geschichte des "überforderten Menschen" nach. So verweist er unter anderem auf einen Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1976 (!) mit dem bezeichnenden Titel "Streß. Neue Krankheit des Jahrhunderts".


Patrick Kury
Der überforderte Mensch: Eine Wissensgeschichte vom Stress zum Burnout
Campus Verlag, September 2012, 342 Seiten, 34,90 Euro

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Um es klar zu sagen: Wir lamentieren schon seit Jahrzehnten, heute jedoch noch mehr als früher. Die "Stress-Schmerz-Schwelle" ist meines Erachtens gesunken. Ich erlebe es immer wieder: Diejenigen, die am lautesten über Hetze und Druck klagen, sind oft auch diejenigen, die - freundlich ausgedrückt - noch große persönliche Effizienzreserven haben. Das ist hypochondrischer Stress und keine echte Überlastung.

Was ist schlimm daran, sich als gestresst zu bezeichnen, wenn man es gar nicht ist? Die Gefahr liegt in der Verselbstständigung der Gedanken. Im Talmud ist die Wirkkette beschrieben: "Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal." Neudeutsch würde man von einer "selfulfilling prophecy" sprechen.

Hören wir endlich auf damit, die Wörter Stress, Überlastung, Druck und Burn-out leichtfertig in den Mund zu nehmen. Machen wir uns klar, dass es einen Unterschied gibt zwischen "ich habe (gerade) viel zu tun" und "ich bin (total) gestresst". Wer nach dem Motto verfährt, "Jammern gehört zum Handwerk" und munter in das Stress-Gestöhn einstimmt, der handelt achtlos. Er diskreditiert damit jene, die wirklich (über die Maßen) gestresst sind. Denn diese Menschen gibt es zweifellos in unserer postindustriellen Gesellschaft, die niemals still steht.

Ich plädiere für einen verantwortungsvolleren Umgang mit diesen Begriffen. Wir dürfen sie nicht durch einen inflationären und leichtfertigen Gebrauch entwerten. Sie sollten für jene vorbehalten sein, auf die sie tatsächlich zutreffen. Also: Ja, es gibt Stress. Ja, Stress hat in den letzten Jahren zugenommen. Aber nicht in den Dimensionen, die nahezu täglich in den Medien zu vernehmen sind.

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