Warum Manager mehr lesen sollten

Selbstmanagement:

15. Oktober 2012

Gut für die Führungskultur: Auffällig viele legendäre Manager sind oder waren begeisterte Leser
Corbis

Gut für die Führungskultur: Auffällig viele legendäre Manager sind oder waren begeisterte Leser

Als David Petraeus (Direktor des CIA und zuletzt Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Irak und Afghanistan, Anm.d.Red.) im Jahr 2009 die Harvard Kennedy School besuchte, vereinbarte er ein Treffen mit der Autorin Doris Kearns Goodwin. Petraeus, der einen Doktortitel im Fach "Internationale Beziehungen" an der Universität Princeton gemacht hat, ist ein großer Fan des Buches "Team of Rivals" und wollte gerne mit der bekannten Historikerin über ihre Arbeit sprechen. Offensichtlich ist der ehemalige General so etwas wie ein Büchernarr.

Damit wird er immer mehr zu einer Ausnahmeerscheinung. Obwohl die weltweite Alphabetisierung weit vorangeschritten ist (derzeit liegt die Quote bei 84 Prozent, lesen Menschen immer seltener und weniger intensiv. Die amerikanische staatliche Stiftung "National Endowment for the Arts" zur Förderung von Kunst und Kultur konstatiert, dass "das Lesen in jeder Altergruppe der erwachsenen Amerikaner abgenommen hat". Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte "lesen weniger als die Hälfte der amerikanischen Erwachsenen Literatur". Die Quote der Menschen, die lesen können, ist in Ländern wie Indien oder China gestiegen. Doch diese Fähigkeit führt offenbar nicht automatisch dazu, dass Menschen mehr oder intensiver lesen.

Das sind schlechte Nachrichten für die Führungskultur und das Management. Nach meiner Erfahrung sind solche Trends hier besonders stark ausgeprägt. Geschäftsleute scheinen immer weniger zu lesen - das gilt insbesondere für Texte, die nicht unmittelbar etwas mit dem Geschäft zu haben. Aber: Intensives und breites thematisches Lesen sind oft ein entscheidendes Merkmal von großen Führungspersönlichkeiten. Es kann zu durchdachteren Entscheidungen führen, Innovation und Empathie stärken und zu besserer persönlicher Effizienz beitragen.

Auffällig viele legendäre Manager sind oder waren begeisterte Leser. Nach einem Bericht der New York Times hatte Steve Jobs ein "unerschöpfliches Interesse" an den Werken des englischen Dichters William Blake. Phil Knight, der Gründer von Nike, verehrt seine Bibliothek derart, dass Besucher darin ihre Schuhe ablegen müssen und den Drang verspüren, sich zu verneigen. Sidney Harnan, der Gründer von Harman Industries, hat Dichter als "die eigentlich relevanten Denker" bezeichnet, und bezieht sich dabei auf die britischen Poeten William Shakespeare und Alfred Tennyson. Im Buch "Passion and Purpose" schreibt David Gergen, dass David Rubenstein, der Gründer der Carlyle Group, Dutzende Bücher pro Woche liest. In der Geschichte wimmelt es geradezu von großen Führungspersönlichkeiten, die begeisterte Leser und Schreiber waren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Winston Churchill bekam den Nobelpreis für Literatur, nicht den Friedensnobelpreis. Auch viele Wirtschaftslenker waren davon überzeugt, dass intensives, thematisch breites Lesen ihr Wissen vergrößerte und ihre Fähigkeit verbesserte, ihre Unternehmen und Organisationen zum Erfolg zu führen.

Die Vorteile des Lesens sind vielfältig. Die Forschung zeigt, dass Lesen die Intelligenz fördert und zu Innovation und neuen Erkenntnissen führt. Einige Studien haben ergeben, dass Lesen schlauer macht "durch einen größeren Wortschatz und mehr Wissen in Verbindung mit dem abstrakteren Denkvermögen". Lesen - egal ob Wikipedia, Michael Lewis (ein amerikanischer Publizist und Wirtschaftsjournalist, Anm.d.Red.) oder Aristoteles - ist eine der besten Methoden, um rasch neues Wissen aufzunehmen und zu verarbeiten. Viele Geschäftsleute sind der Meinung, dass thematisch breites Lesen ihre Kreativität fördere. Führungskräfte, die Einsichten in anderen Wissensfeldern gewinnen, sei es Soziologie, Naturwissenschaften, Volkswirtschaftslehre oder Psychologie, und diese Ideen in ihren Organisationen und Unternehmen anwenden, werden mit großer Wahrscheinlichkeit Innovationen anstoßen und dem Unternehmen zu neuer Prosperität verhelfen.

Lesen kann auch die Führungskompetenz verbessern. Es steigert die verbale Intelligenz und macht Führungskräfte zu geschickteren und deutlich besseren Kommunikatoren. Romane zu lesen kann die Fähigkeit zur Empathie und das Verständnis für soziale Entwicklungen verbessern. Dies erlaubt Lesern, besser mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und diese zu verstehen. Die Autorin Anne Kreamer hat überzeugend gezeigt, dass diese Merkmale entscheidend sind für die Effizienz und Leistungsfähigkeit von Führungskräften. Menschen mit diesen Fähigkeiten erhalten öfter eine Gehaltserhöhung und steigen schneller auf. Jeder Manager versteht, dass ein Zusammenhang besteht zwischen emotionaler Intelligenz und der Fähigkeit zu führen und zu managen.

Regelmäßiges Lesen hat auch ganz persönliche Vorteile: Es entspannt und ist gesund. Für gestresste Führungspersönlichkeiten ist Lesen die beste Methode, um sich zu entspannen: Schon sechs Minuten lesen kann das Stressgefühl um 68 Prozent senken (Link 10). Einige Studien legen sogar den Schluss nahe, dass Lesen den Ausbruch von Alzheimer verhindert und die Langlebigkeit des Gehirns verbessern kann.

Lesen hat also eine ganze Reihe von positiven Effekten für Geschäftsleute. Breites, intensives Lesen kann Sie zu einer besseren Führungspersönlichkeit machen. Wie fangen Sie an? Hier sind einige Empfehlungen:

  • Treten Sie einer Lesegruppe bei. Einer meiner Freunde trifft sich alle zwei Monate mit Kollegen, um Klassiker der Philosophie, der Prosa, Geschichte und anderer Themen zu lesen. Finden Sie eine solche Gruppe.

  • Bringen Sie Abwechslung in Ihren Lesestoff. Wenn Sie zum Beispiel ein Geschäftsmann sind, der typischerweise nur Wirtschaftsbücher liest: Nehmen Sie sich vor, in diesem Jahr mindestens drei Bücher aus Bereichen zu lesen, die thematisch außerhalb ihrer Komfortzone liegen: einen Roman, einen Gedichtband, oder ein nicht-fiktionales Werk im Bereich der Wissenschaft, Geschichte, Kunst oder eine Biographie.

  • Passen Sie Ihren Lesestoff an Ihre Arbeit an. Kommen Sie bei einem Problem einfach nicht weiter? Nehmen Sie ein Buch über Neurowissenschaften oder Psychologie zur Hand und überlegen Sie: Gibt es Wege, wie Sie diese Einsichten auf Ihre Arbeit übertragen können?

  • Ermutigen Sie andere. Nach der Arbeit sende ich Kollegen oft ein Buch, von dem ich annehme, dass es ihnen gefallen könnte. Versuchen Sie das einmal. Es könnte zu fruchtbaren Diskussionen führen, die Anwendung von Lösungen aus anderen Bereichen und die Zahl der aktiven Leser in Ihrem Arbeitsumfeld vergrößern.

  • Lesen Sie aus Vergnügen. Sie sollten Ihren Lesestoff nicht vollständig nach Nützlichkeitserwägungen zusammenstellen. Lesen Sie, um sich zu entspannen, auf andere Gedanken zu kommen. Gönnen Sie Ihrem Gehirn etwas Muße.

Lesen hat viele Vorteile. Aber es wird als wichtiger Bestandteil der Führungs-Entwicklung unterschätzt. Welches Buch hat Ihr Leben verändert? Welche Bücher würden Sie einem jungen Menschen empfehlen, der seine Führungskompetenz durch Lesen verbessern will?

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Zur Person
John Coleman ist Ko-Autor des Buches "Passion & Purpose: Stories from the Best and Brightest Young Business Leaders". Folgen Sie ihm auf Twitter unter @johnwcoleman.

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