Wie Kreativität funktioniert

25. November 2011

2. Teil: Stufen des kreativen Denken

In den vergangenen hundert Jahren sind sich Forscher verblüffend einig darüber geworden, in welchen Stufen kreatives Denken abläuft. Es war Betty Edwards, die mich als erste darauf hinwies, dass diese Stufen sich zwischen den Sphären der rechten und linken Gehirnhälfte hin- und herbewegen:

  1. Durchdringung: Wenn ein Mensch erst einmal das Problem oder die kreative Herausforderung definiert hat, ist die erste Stufe der Kreativität eine Tätigkeit der linken Gehirnhälfte. Sie setzt paradoxerweise voraus, zunächst das aufzunehmen, was bereits bekannt ist. Jeder kreative Durchbruch basiert auf dem, was zuvor existierte. Für einen Maler könnte das bedeuten, sich mit den Meistern seines Fachs auseinanderzusetzen. Für mich bedeutet es: Breit und intensiv zu lesen, zu sortieren, zu bewerten, zu organisieren, zu skizzieren und Prioritäten zu setzen.
  2. Reifung: Die zweite Stufe der Kreativität beginnt, wenn wir uns von einem Problem abwenden. Typischerweise, weil unsere linke Gehirnhälfte nicht in der Lage zu sein scheint, das Problem zu lösen. Zur Reifungsphase gehört es, über Informationen zu grübeln, oftmals unbewusst. Intensiver Sport kann ein sehr guter Weg sein, die rechte Gehirnhälfte zu aktivieren, um neue Ideen und Lösungen zu entwickeln. Nach anderthalb Stunden Schreiben ist es zum Beispiel das beste für mich, Joggen zu gehen, um mein Hirn durchzurütteln.
  3. Erleuchtung: Aha-Momente - spontan, intuitiv und unaufgefordert - sind kennzeichnend für die dritte Stufe der Kreativität. Wo sind Sie, wenn Sie ihre besten Ideen haben? Ich schätze, nicht an Ihrem Schreibtisch. Oder wenn Sie bewusst versuchen, kreativ zu sein. Vielmehr dann, wenn Sie ihrer linken Gehirnhälfte eine Auszeit gegeben haben und etwas anderes tun - egal ob es Sport ist, duschen, Auto fahren oder sogar schlafen.
  4. Überprüfung: Während der letzten Stufe der Kreativität übernimmt die linke Gehirnhälfte wieder das Kommando. In dieser Phase stellen wir den kreativen Durchbruch auf den Prüfstand. Wissenschaftler tun das in einem Labor, Maler auf einer Leinwand. Autoren tun es, indem sie ihre Vision zu Papier bringen.

Der erste Schritt, unsere Kreativität bewusst zu fördern, bedeutet zu verstehen, wie sie funktioniert. Ich habe erlebt, dass die Stufen oft in einer nicht vorhersehbaren Reihenfolge auftreten und ineinander übergehen. Trotzdem ist es sinnvoll, die einzelnen Phasen zu kennen: So weiß ich, wo ich stehe und wie ich das erreichen kann, was ich mir vorgenommen habe.

Die kreativsten Leistungen hängen schließlich davon ab, häufig einen Wechsel zu vollziehen - zu lernen, das ganze Gehirn einzusetzen, flexibel und bewusst zwischen rechter und linker Gehirnhälfte zu wechseln, zwischen Aktivität und Ruhe, zwischen Anstrengung und Loslassen. Das ist im Übrigen auch ein ziemlich guter Ansatz für das Leben.

Wie und wo haben Sie ihre kreativsten Einfälle? Und wie kann man Kreativität im Unternehmen fördern? Diskutieren Sie mit.

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