Mehr Gelassenheit, bitte!

Blog:

Von Dorothee Echter
31. März 2011

Das Quartalsergebnis in USA ist eingebrochen. Die Bereichsleiterin hat die ihr versprochene Position als Geschäftsführerin nicht bekommen. Jemand hat auf dem Flur gehört, wie der Berater von geplanten personellen Veränderungen in der Vertriebsführung erzählte. Der Aufsichtsrat verlangt eine Stunde vor der Präsentation noch eine zusätzliche Stellungnahme zu den Kosten der geplanten Firmenübernahme. Die Inhaberin übergeht wieder einmal den Vorstand und erteilt im Unternehmen Weisungen ...

Wer innerlich seine Mitte nicht verliert, strahlt bei stressigen und unangenehmen Situationen mehr Zuversicht und Orientierung aus
Corbis

Wer innerlich seine Mitte nicht verliert, strahlt bei stressigen und unangenehmen Situationen mehr Zuversicht und Orientierung aus

Dies sind ganz alltägliche Vorgänge, doch für Menschen, die leicht außer sich geraten, bieten sie perfekte Anlässe für große Dramatisierungen - meist in drei Akten aufgeführt:

1. Sie teilen die Charaktere in Gute und Böse ein.
2. Den Bösen unterstellen sie dunkle Motive, Intrigen und Verschwörungen, Verbündete sind charakterstark aber ohnmächtig.
3. Stets geht es um Leben und Tod.

Wer innerlich seine Mitte verliert, erlebt auch äußerlich nur noch die Extreme. Dieser Mensch kann seiner eigenen Wahrnehmung und seinem eigenen Urteil nicht mehr vertrauen, es gibt für ihn keine Erfolgsgewissheit, keine Zuversicht, keine Fülle und vor allem keine Normalität mehr, nur noch bedrohliche Dramen. Dann kann es nur so sein, dass der CEO die USA-Zahlen absichtlich herunter manipuliert hat, damit der Neue - sein Kumpel - einen umso strahlenderen Start hat. Für die Bereichsleiterin steht fest, dass die Manager in der Zentrale sie mobben; sie macht einen Termin, um deren Chef zur Rede zu stellen.

Solche Dramatisierungen sind ein willkommenes Ventil für die eigene angestaute Empörung. Sie bieten die Möglichkeit, sich selbst gut zu fühlen und in ein gutes Licht zu rücken, ohne prahlerisch zu wirken - schließlich dient es nur der Richtigstellung und der eigenen Verteidigung. Im Topmanagement scheint es dann keine ganz normalen Unachtsamkeiten, Versehen, Nachlässigkeiten oder negative Entwicklungen zu geben, die einfach so passieren. Nichts ist alltäglich oder durchschnittlich, alles wird zum Extrem, zum Außergewöhnlichen, zum Existenziellen.

Leider schadet sich jede Drama-Queen, jeder einsame Held damit nur selbst. Außer-sich-sein ist ein anstrengender Zustand, und er ist für andere deutlich sichtbar, sie reagieren darauf mit Misstrauen und Distanz, wollen nicht Teil des Dramas werden. Weniger gefestigte Menschen steigen allerdings gerne darauf ein. Dann wird daraus eine nicht enden wollende Dramatisierungsspirale, Entscheidungen werden schnell getroffen und verworfen, es gibt keine Klarheit und keine Orientierung mehr. So wie die Dramatisierung die innere Kraft eines Menschen verbraucht, so verliert er auch nach außen an Wirkung.

Seite
1
2
Artikel
Kommentare
1
wgriepentrog 01.04.2011

Gelassenheit und Werteorientierung stärken Glaubwürdigkeit im Konflikt
Ihr Beitrag, liebe Frau Echter, befasst sich mit der wichtigsten Herausforderung im Management überhaupt: mit dem richtigen und glaubwürdigen Umgang in schwierigen Situationen - in Konflikten, Krisen, aber auch bei schwierigen Entscheidungen. Dieses Thema ist und bleibt brandaktuell - in der Wirtschaft ebenso wie im Management der Politik oder gesellschaftlicher Institutionen. Gelassenheit ist dabei zweifellos ein wesentlicher Grundzug, der hilft, die eigene Souveränität und damit den Handlungsspielraum zu wahren. Allerdings darf man aus meiner Sicht dieses komplexe Thema nicht auf diesen Punkt verengen. Ich glaube z.B. nicht, dass Gelassenheit sich in der von Ihnen beschriebenen Distanz zum Problem äußert. Sicher ist es wichtig, dass man erkennen sollte, ob man ein Problem hat oder Teil eines Problems ist - Herausforderungen aus verschiedenen Perspektiven, auch aus der Ferne, zu betrachten, ist hilfreich. Aber gutes Management setzt auch Empathie voraus. Das heißt auch: Konflikte nicht an sich abprallen lassen, sondern ein Stück weit seine Gelassenheit aufgeben. Das heißt nicht, die Beherrschung und Kontrolle aufzugeben, sondern sich auf das natürliche emotionale Spannungsfeld in Krisen und Konfliktsituationen einzulassen. In gewisser Weise und bis zu einem gewissen Grad muss man also Dinge auch "persönlich nehmen". Dramatisierung ist zweifellos falsch, da stimme ich Ihnen zu. Aber eine kalkulierte, auch "persönliche" Zuspitzung von Positionen kann zur Problemlösung beitragen. Das dient auch der von Ihnen erwähnten Orientierung, die gutes Management in schwierigen Situationen leisten muss. Wichtig finde ich Ihre Feststellung, dass erfolgreiche Manager auch in schwierigen Situationen nicht die Prioritäten vergessen. "Weniges ist Existenziell": diese Haltung beschreibt das Bewusstsein von Souveränität und Wert. Einen aus meiner Sicht wesentlichen Aspekt im Umgang mit unangenehmen Situationen möchte ich hinzufügen: Werteorientierung und Grundsätze. Sie sind das entscheidende Fundament, das nicht nur generell die Befähigung zum erfolgreichen Manager ausmacht, sondern gerade in Konfliktsituationen Handlungsspielraum schafft und bewahrt. Wichtige Grundsätze wie Mut, Souveränität, Authentizität sind zum Beispiel im "Glaubwürdigkeitsprinzip" beschrieben. Siehe hierzu das Manifest auf der Seite: http://glaubwuerdigkeitsprinzip.de/manifest/. Was die Berücksichtigung des Glaubwürdigkeitsprinzips in der Praxis gerade in schwieriger Situation bedeutet, zeigt die Diskussion in Blogs und Foren (z.B. http://glaubwuerdigkeitsprinzip.de/das-blog/). Mein Fazit: Gelassenheit ist wichtig, aber nur als Ausdruck einer grundsätzlichen Werteorientierung. Wolfgang Griepentrog, WordsValues

Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
Die neuesten Blogs
Nach oben