Übung macht den Manager

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Von Lutz Becker
23. März 2011

Vor einigen Jahren nahm ich an einer Regatta vor Wilhelmshaven teil. Bei uns sah - meiner Meinung nach - alles ziemlich gut aus, Segeltrimm, Kurs, Position. Das Dumme: Ein Mitsegler, mehrfacher Welt- und Europameister, war schon ein paar Sekunden nach dem Start zwei Bootslängen vor uns, dabei hingen seine Segel wie alte Handtücher zum Trocknen.

Trainieren für den Sieg: Unternehmensführung ist wie eine Regatta, komplex und ohne vollkommene Information
Corbis

Trainieren für den Sieg: Unternehmensführung ist wie eine Regatta, komplex und ohne vollkommene Information

Eine Segelregatta ist in ihrer Komplexität durchaus mit der Unternehmensführung zu vergleichen. Ein berühmter Segler hat sie einmal als Schachspiel beschrieben, bei dem sich nicht nur die Figuren, sondern auch die Felder bewegen - ein klassisches Beispiel für ein hochkomplexes und dynamisches System. Ein Spiel ohne vollkommene Information. Wie ein Schachspieler hat der Segler vor dem Start einen bestimmten Plan, den er durchsetzen will. Er hat also Ziele und Strategien, oder besser: Vorstellungen davon, was die Zukunft bringt und wie er in dieser agieren wird. Aber er hat auch die unterschwellige Erkenntnis, das alles auch ganz anders kommen kann. Es gibt viele verschiedene Faktoren und Diskontinuitäten, die er nicht beeinflussen kann - das Verhalten der Gegner (Wettbewerb), Änderungen von Windstärke und Windrichtung sowie Stromeffekte (ein dynamisches und nach eigenen Regeln agierendes Spielfeld), Entscheidungen des Schiedsgerichtes und vieles mehr. All das lässt sich ähnlich auch in der Unternehmensführung beobachten.

Niemand wird behaupten wollen, dass der Segler das komplexe System unter Kontrolle hat. Auf der anderen Seite gibt es erfolgreiche Segelsportler, die auf unterschiedlichsten Booten und Revieren immer wieder ganz vorne dabei sind. Natürlich kann sich der Segler Vorteile verschaffen, wenn er gutes Material hat und zum rechten Zeitpunkt startet, Änderungen der Windverhältnisse schneller erkennt, besser beurteilt und konsequenter reagiert, wenn er, je nach Lage, das übrige Feld kontrollieren und sich von ihm absetzen kann. Er muss in der Lage sein, seinen Plan durchzusetzen, aber ihn auch schnell zu revidieren und durch einen neuen zu ersetzen, wenn sich die Rahmenbedingungen plötzlich oder schleichend ändern.

Komplexität braucht Vielfalt

Der britische Psychiater und Kybernetiker William Ross Ashby (1903-1972) hat ein Theorem formuliert, demnach ein System seine Umwelt um so besser steuern kann, je größer seine eigene (Handlungs-)Vielfalt oder Varietät ist. Es ist als Ashby's Law in die Geschichte eingegangen: Varietät lässt sich nur mit Varietät begegnen.

Entscheidend ist, dass der Segler nicht nach einem einfachen Schema reagiert, sondern eine der Komplexität und Geschwindigkeit der Rahmenbedingung angemessene Reaktionsgeschwindigkeit und Bandbreite der Handlungsmöglichkeiten hat - dass er in der Lage ist, auf Komplexität mit Komplexität zu reagieren - und zwar umso dynamischer, je dynamischer sich das Umfeld wandelt.

Das Erfolgsrezept der besten Segler heißt: Repertoire plus Intuition.

Viele Manager wünschen sich sicherlich, die Komplexität ihrer Umwelt komplett kontrollieren zu können. Das ist Illusion und wird immer Illusion bleiben. Wie Segler brauchen Führungskräfte ein Repertoire - also eine Vielzahl an Methoden, Kenntnissen oder Erfahrungen - das sie je nach Situation abrufen können. Zum einen ein Repertoire eigener Fähigkeiten, zum anderen ein organisatorisches Repertoire: Fähigkeiten, die in der Organisation angesiedelt sind und sich dort bei Bedarf abrufen lassen. So etwas, erfolgreiche Sportler wissen das genauso wie gute Musiker, fällt nicht vom Himmel, sondern müssen sie durch Lernen und Üben hart erarbeiten.

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