So kommen Sie an die Ideen Ihrer Mitarbeiter

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Von Jens-Uwe Meyer
27. Januar 2011

"Ich kann tun, was ich will, meine Mitarbeiter haben einfach keine Ideen." Kommt Ihnen dieser Ausspruch bekannt vor? Egal ob bei Teamtreffen, in Einzelgesprächen oder im Intranet: Wann immer Führungskräfte fragen "Hat jemand Ideen?", scheint es, als könnten sie genauso gut mit einer Parkuhr reden: Es passiert ... nichts.

Motivation und Kreativität: Kluge Köpfe gibt es in jedem Unternehmen, und jedes Unternehmen braucht ihre Ideen. Herkömmliche Muster funktionieren aber nicht mehr, um die Mitarbeiter aus der Reserve zu locken.
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Motivation und Kreativität: Kluge Köpfe gibt es in jedem Unternehmen, und jedes Unternehmen braucht ihre Ideen. Herkömmliche Muster funktionieren aber nicht mehr, um die Mitarbeiter aus der Reserve zu locken.

Sind Mitarbeiter wirklich so unkreativ? Das Ideen-Management - klassisch: betriebliches Vorschlagswesen - versucht es mit Prämien und Provisionen. Ein Mitarbeiter, der eine Idee hat, erhält einen bestimmten Teil des Wertes, den die Idee generiert. In der Theorie klingt das gut, in der Praxis funktioniert es häufig so schlecht, dass viele Führungskräfte mittlerweile darüber nachdenken, derartige finanzielle Anreize ganz zu streichen. Der Grund: Geld alleine macht Mitarbeiter nicht kreativ. Doch was dann?

Die Manager eines norddeutschen Telekommunikationsunternehmens gingen einen anderen Weg. Eigentlich war es mehr ein Versuch, eine Idee, die wir gemeinsam ausprobiert haben. Wir haben den Mitarbeitern nichts geboten. Keine Prämie, keine Provision, keine Aussicht auf Karriere oder Beförderung, auch keinerlei sonstige Vergünstigungen. Doch, halt, wir haben doch etwas geboten: ein Problem. Wir haben das derzeit größte Problem, mit dem das Unternehmen gerade zu kämpfen hatte, ins Intranet gestellt. Dazu die Aufforderung: "Kluge Köpfe gesucht! Wer hat Lust, gemeinsam Ideen zu diesem Problem für das Unternehmen zu entwickeln?"

Die klassische Lehre des Innovationsmanagements besagt: Senke die Zugangsbarrieren, so dass sich möglichst viele beteiligen können. Das Management hat es genau umgekehrt gemacht. Es hat die Anforderungen sogar noch erhöht. Von allen, die sich bewarben, verlangten die Verantwortlichen ein zweiseitiges Schreiben, in dem die Interessierten ausführlich erklären sollten, warum sie mitmachen wollen, sowie eine Seite mit ersten Ideen. Der Versuch hat geklappt. Unter 1300 Mitarbeitern fanden sich 30, die aus unterschiedlichsten Gründen Zeit und Lust hatten, über das Problem nachzudenken und die hochmotiviert Ideen für das Unternehmen entwickelten.

Zuckerbrot und Peitsche führen nicht weiter

Das Prinzip, das hinter diesem Ansatz steckt, ist in der Wissenschaft seit langem bekannt. Professoren wie Sam Stern von der Oregon State University, Alan G. Robinson von der University of Massachusetts und Theresa Amabile von der Harvard Business School haben sich in Dutzenden von Studien mit der Entstehung neuer Ideen in Unternehmen beschäftigt. Ihr Ergebnis: Intrinsische Motivation ist eine der wichtigsten Triebfedern für Kreativität. Ein Mitarbeiter, der wirklich Lust hat, ein bestimmtes Problem zu lösen, wird viel eher kreative und nützliche Ergebnisse erzielen, als jemand, der ein bestimmtes Problem löst, nur weil es in seiner oder ihrer Stellenbeschreibung steht oder das Problem an ihn delegiert wurde. Lust auf neue Ideen lässt sich weder mit Zuckerbrot (Prämien) noch mit Peitsche (Druck) erreichen, sondern fast ausschließlich durch den Appell an das eigene Interesse.

Gerade im Innovationsbereich ist es Zeit, das klassische Delegationsverfahren vollkommen zu überdenken. Denn das übliche Vorgehen - Aufgaben werden an die zuständige Abteilung oder einen Mitarbeiter, der gerade Ressourcen frei hat, delegiert - vernachlässigt das Prinzip der intrinsischen Motivation sträflich. Motivation und ein ehrliches tiefes Interesse an einem bestimmten Thema sind die wichtigsten Voraussetzungen für Kreativität.

Probieren Sie doch selbst einmal die Taktik des Telekommunikationtsunternehmens in Ihrer Organisation aus. Unter den Mitarbeitern, die sich für das Projekt in dieser Firma bewarben, waren 30, die aus höchst unterschiedlichen Gründen teilnehmen wollten - Geld war übrigens nie einer. Ein Mitarbeiter aus der Informationstechnik gab beispielsweise offen zu, dass er sich in seinem Job so sehr langweilte, dass er nachts kreative Herausforderungen bei der Programmierung von Open Source-Software im Internet suchte. Ein anderer kam aus dem Kundencenter und sagte, er höre sich jeden Tag Kundenbeschwerden an, jetzt habe er endlich die Gelegenheit, daran aktiv etwas zu verändern. Und ein dritter Teilnehmer sagte, er wolle die Zukunft des Unternehmens mitentwickeln.

Diese Methode ist kein Königsweg. Natürlich müssen Sie darauf achten, dass Sie das richtige Fachwissen in der Gruppe haben. Aber ein interessantes Experiment, das die Chancen auf kreative Ergebnisse deutlich erhöht, ist es allemal. In diesem Fall sogar ein sehr erfolgreiches. Die Geschäftsleitung des Telekommunikationsunternehmens hat die Ergebnisse der bunt zusammengewürfelten Truppe für gut befunden und vergangenes Jahr Risikokapital für eine Ausgründung bewilligt. In der Tochterfirma sollen die Mitarbeiter ihre Idee, interaktive lokale Videoinhalte anzubieten, aktiv umsetzen. Haben sie Erfolg, eröffnen sie für das Unternehmen ein vielversprechendes neues Geschäftsfeld.

Die spannendste Erkenntnis aus diesem Prozess: Die Ideen und die Mitarbeiter, die bei diesem Experiment entstanden, waren alle im Unternehmen vorhanden. Das einzige, was fehlte, war jemand, der ein spannendes Problem anzubieten hatte und die eigenen Mitarbeiter fragte.

Was sind Ihre Erfahrungen? Was fördert in Ihrem Unternehmen Kreativität - und was blockiert Sie? Diskutieren Sie mit.

Zum Autor
Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innovationsberatung "Innolytics". Er ist Autor mehrerer Bücher zum Innovationsmanagement und verfasste bereits mehrere Beiträge für den Harvard Business Manager.

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