Die Angst der Manager vor Social Media

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Von Michael Hengl
12. Januar 2011

Stellen sie sich vor: Sie wollen zusammen mit vier Freunden ihre 130 Quadratmeter große Wohnung in Berlin-Charlottenburg neu streichen. Die Freunde haben genau wie sie zwar handwerkliches Geschick, aber sind bei weitem keine Profis. Wie gehen sie vor? Antwort: Sie besprechen sich! So trivial das klingen mag, sie werden nicht darum herumkommen, mit jedem Einzelnen ein paar Worte zu wechseln, um sich zu organisieren und zu koordinieren. Sie werden fragen, wer was kann und wer was tun will. Nach ungefähr 30 Minuten Gespräch werden vielleicht zwei Ihrer Freunde zum Baumark fahren, um Abdeckplanen, Pinsel und Farbe zu kaufen. In der Zeit werden sie mit den anderen Freunden, Möbel zur Seite rücken sowie Fenster und Türen mit Kreppband abkleben. Nach getaner Arbeit endet der Tag hoffentlich mit einem gemütlichen gemeinsamen Abendessen.

Soziale Medien: Nie war Kommunikation wichtiger als heute
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Soziale Medien: Nie war Kommunikation wichtiger als heute

Während des Renovierens haben sie wahrscheinlich gar nicht gemerkt, wie viel sie miteinander gesprochen haben. Kommunizieren ist nötig, um die Stimmung aller Beteiligten zu heben und den Arbeitsprozess in Gang zu halten, vom ersten Anruf bei ihren Helfern über die Terminvereinbarung bis hin zum geselligen Ausklang.

Das Beispiel illustriert: ohne Kommunikation keine Koordination. Streichen Sie kurz darauf mit den selben Freunden wieder eine Wohnung, werden Sie nicht mehr so viel reden müssen wie beim ersten Mal, weil Einiges schon eingeübt ist. Je häufiger sie die gleiche Aufgabe wiederholen, umso mehr sinkt der Kommunikationsaufwand, den Sie für die Koordination brauchen. Bei immer gleichen Tätigkeiten ist fast keine Kommunikation mehr nötig.

Der wichtigste Job eines Managers

Dagegen ist bei komplexeren Anforderungen und wechselnden Teammitgliedern viel Kommunikation unabdingbar und direkt proportional zur Koordination. Genau diese Aufgabe ist im Unternehmen traditionell die Domäne des Managements. Ob die Organisation so klein ist wie die Gruppe, welche eine Wohnung neu streicht, oder so groß wie ein internationales Unternehmen, spielt dabei keine Rolle.

Social Media wie Blogs, Foren, Wikis und so weiter können das Management enorm entlasten, weil ein Großteil der Kommunikations- und damit Koordinationskraft aus der kollektiven Intelligenz heraus entsteht. Früher sprach der Vorgesetzte zu seinen Untergebenen, die zuzuhören hatten. Heute tauschen sich Chefs und Mitarbeiter im Web 2.0 über die neue Unternehmensstrategie oder Probleme im Vertrieb aus. Da alle etwas beitragen können, steht mehr Wissen zur Verfügung.

Doch wie bei fast jeder Einführung einer neuen Technik gibt es auch Widerstände und Vorbehalte. Insbesondere dann, wenn sie die Kommunikation beschleunigt und liberalisiert, sind Machtkämpfe vorprogrammiert. Sie enden erst, wenn sich die alten Hüter des Herrschaftswissens an die neue Transparenz gewöhnt haben. Nach Ansicht vieler Historiker stand der Dreißigjährige Krieg in Europa auch in Zusammenhang mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks, weil diese Technik einen Quantensprung in der Wissensverbreitung ausgelöst hat.

Bei der Weiterentwicklung der Kommunikationstechnik von Schrift über Buchdruck, zu Radio und Fernsehen und schließlich bis hin zu den Anfängen des Internets ging es immer darum, dass eine Quelle Informationen in eine Richtung aussendet. Es war letztlich mehr vom Gleichen - immer billiger, schneller, farbiger und realistischer. Durch das Web 2.0 kommt nun die völlig neue Dimension des Interaktiven hinzu - und bringt so einen echten Paradigmenwechsel mit sich. Das ist die eigentliche wahre Sensation. Im Mitmach-Web kann sich jeder genau die Information besorgen, die er braucht. Jeder kann auch in nie da gewesenem Ausmaß Information selbst erstellen, die Informationen von anderen anreichern und vernetzen.

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