Das Geheimnis der Marke Obama

19. Januar 2009

2. Teil: Adaptiv führen

These 1: Führe mit Bescheidenheit, Ruhe und Überblick!

Obama verkörpert einen neuen Führungsstil - einen Stil, der den Herausforderungen einer komplexen Welt in besonderem Maße gerecht wird. Mit seinem Stil des "Adaptive Leadership" durchbricht er Barrieren und erreicht nachhaltige Veränderung. Während der "visionäre" Führer häufig einen klaren Plan davon hat, was er will, und sein Team dann in der Regel genau das umsetzen muss, erarbeitet ein "adaptiver" Vorgesetzter einen solchen Plan gemeinsam mit den jeweiligen Beteiligten. Sein Ziel ist es, die Mitarbeiter ständig anzuregen, Verbesserungen vorzuschlagen, um die Abläufe des Unternehmens oder eben die Performance einer Marke zu optimieren. Je freier sie sich bei diesem Prozess fühlen, desto besser sind der Erkenntnisgewinn und letztlich auch die Ergebnisse. Obama ist es gelungen, ein Umfeld zu etablieren, in dem Mitarbeiter ohne Ängste ihre Ideen und Standpunkte artikulieren können. Er hat kluge und willensstarke Köpfe um sich versammelt und ist dabei nicht zu stolz, seine Meinung oder Strategie anzupassen, wenn die Vorschläge seiner Mitstreiter überzeugender sind als die eigenen.

In Anlehnung an Lincoln hat Obama oft Bescheidenheit als wichtige Tugend beschworen. Bescheidenheit bildet das Fundament seiner Führungsstärke. Selbstbewusstsein gekoppelt mit Genügsamkeit fördert eine Teamkultur ohne den Drang zur Dominanz von Mitarbeitern. Eine wichtige Erkenntnis für alle Führungskräfte ist demnach, dass es nicht schadet freundlich, informell und zugänglich zu sein - Menschlichkeit und Wärme erobert die Herzen und kann Vertrauen schaffen. Aufrichtiges Interesse an den Äußerungen der Mitarbeiter und aktive Unterstützung bei der Umsetzung, kombiniert mit persönlicher Bescheidenheit kann auf dem Weg zu einem kooperativen und enthusiastischen Arbeitsklima einiges bewirken.

Eine unverzichtbare Eigenschaft einer jeden Führungskraft und eines jeden Markenführers, die mit ihren Entscheidungen und Handlungen das Leben anderer weitreichend verändern können, ist ihre Überlegtheit. Es ist die Gabe, stets ein ruhiges Händchen zu haben und die Fähigkeit, starke Emotionen beständig zu kontrollieren, um selbst in Extremsituationen besonnen reagieren zu können. Das Geschäftsleben ist notwendigerweise voller Fehlschläge. Wenn ein Unternehmen keine Fehler macht, dann geht es meistens nicht genügend Risiken ein. Entscheidend ist letztlich nur, wie man mit diesen Fehlern umgeht. Unternehmensergebnisse und Aktienkurse hängen gewissermaßen auch von der Ruhe und Besonnenheit der Unternehmensführung ab. Führungskräfte gewinnen die Anerkennung ihrer Mitarbeiter gerade dadurch, dass sie in Krisensituationen - ganz gleich welcher Größenordnung - kontrolliert bleiben. Ein solches Verhalten löst Bewunderung aus - Einsatz, Leidenschaft, Loyalität und ein hohes Maß an Identifikation sind häufig die Folgen.

Barack Obama hat Stimmen mit einer Kombination aus präsidialer Aura und präsidialem Auftritt gewonnen. Keine Frage, er ist cool. Falls er bisher jemals ins Schwitzen geraten ist, angemerkt hat man es ihm noch nicht. Er war in den Debatten stets unerschütterlich und hat sich nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen lassen, selbst bei Attacken die weit unter der Gürtellinie lagen. Über die gesamte Wahlkampfdistanz hindurch zählten seine Souveränität und seine Stärke - auch unter wachsenden Belastungen - zu seinen wesentlichen Eigenschaften. So wie Barack Obama unappetitliche Attacken mit einer fast unwirklich anmutenden Ruhe abgeschüttelt hat, so sollten Führungskräfte beziehungsweise Markenführer auf schlechte Neuigkeiten und unerwartete Rückschläge reagieren: mit einer klaren persönlichen Haltung und überzeugender Glaubwürdigkeit. Dies erfordert, dass man sich bereits im Vorfeld die Zeit nimmt und sich sorgfältig auf unangenehme Überraschungen vorbereitet und gründliche Notfallpläne entwickelt, die gegebenenfalls sofort umgesetzt werden können. Dabei ist es wichtig, nicht nur Handlungsbereitschaft zu predigen, sondern im Ernstfall auch konsequent zur Tat zu schreiten, statt sich in überflüssigen Schuldzuweisungen zu verstricken.

Ein sehr gutes Beispiel für die Art und Weise, wie ernst es Barack Obama mit seiner Art der Wahlkampfführung war, lieferte seine Rede in der Wahlnacht, nachdem sein überwältigender Sieg fest stand. Jeder Beitrag wurde gewürdigt, niemand wurde vergessen. Er bedankte sich zunächst sehr glaubwürdig bei seinem Mitbewerber John McCain, der seiner Meinung nach mehr für sein Land getan habe, als die meisten Menschen ermessen könnten. Danach dankte er seinem zukünftigen Vizepräsidenten, seiner Frau ("...my best friend for the last 16 years, the rock of our family, the love of my life and the next First Lady of the United States"), seinen Töchtern, seiner Großmutter und seiner Familie. Dann dankte er seinem Kampagnenmanager, seinem Chefstrategen, seinem Kampagnenteam und nicht zuletzt seinen Wählern, denen er nie vergessen werde, wem dieser Wahlsieg wirklich gehören würde. Den emotionalen Höhepunkt dieser Rede setzte er, indem er sich namentlich und sehr persönlich bei einer Wählerin für Ihre Stimme bedankte, der 106 Jahre alten Afroamerikanerin Ann Nixon Cooper, die Stunden zuvor bei ihrem Wahlgang zum Besten gegeben haben soll: "Ich habe keine Zeit zu sterben!"

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