Von Walter Isaacson
Vor einem Jahr ist Steve Jobs gestorben. Wie konnte er die fast bankrotte Firma Apple zum wertvollsten Unternehmen der Welt machen? Sein offizieller Biograf fasst in 14 Lektionen zusammen, was Manager wirklich von Steve Jobs lernen können.
Seine Geschichte ist ein unternehmerischer Schöpfungsmythos wie aus dem Bilderbuch: 1976 gründete Steve Jobs aus der Garage seiner Eltern heraus Apple, 1985 wurde er gefeuert, 1997 kehrte er zurück, rettete das Unternehmen knapp vor dem Bankrott und machte es bis zu seinem Tod im Oktober 2011 zum wertvollsten Unternehmen der Welt. Auf seinem Weg hinterließ er markante Spuren in nicht weniger als sieben Bereichen: Personal-Computer, Zeichentrickfilme, Musik, Mobiltelefone, Tablet-Computer, Einzelhandel und digitales Publizieren. Damit hat er sich seinen Platz in der Ruhmeshalle der großen amerikanischen Innovatoren verdient, zusammen mit Männern wie Thomas Edison, Henry Ford oder Walt Disney. Keiner von ihnen war ein Heiliger. Aber noch lange nachdem ihre persönlichen Eigenarten vergessen sein werden, wird man sich daran erinnern, wie sie mit ihren Ideen Technik und Wirtschaft beeinflusst haben.
Seit dem Erscheinen meiner Biografie von Steve Jobs im Oktober 2011 haben zahllose Kommentatoren versucht, Managementlehren aus dem Wirken des Apple-Gründers zu ziehen. Manche von ihnen lieferten interessante Erkenntnisse, viele andere (vor allem solche ohne eigene Erfahrung als Unternehmer) konzentrierten sich zu sehr auf die Ecken und Kanten der Persönlichkeit des Apple-Gründers. Meiner Ansicht nach aber kann man Jobs nur verstehen, wenn man erkennt, dass sein oft unangenehmes Wesen und seine Art, Geschäfte zu machen, zwei Seiten derselben Medaille sind. Er benahm sich, als würden die üblichen Regeln für ihn nicht gelten. Die Leidenschaft, Intensität und extreme Gefühlsbetontheit, die er im Alltag zeigte, ließ er auch in die von ihm gestalteten Produkte einfließen. Seine Reizbarkeit und Ungeduld waren Teil seines Perfektionismus.
Bei einem unserer letzten Treffen, als mein Buch über ihn schon fast fertig war, habe ich Jobs noch einmal auf seine Neigung zum groben Umgang mit Menschen angesprochen. "Schauen Sie lieber auf das Ergebnis", antwortete er, "ich arbeite mit all diesen schlauen Leuten zusammen. Jeder von ihnen könnte sich leicht einen Spitzenjob anderswo besorgen, wenn er sich wirklich schlecht behandelt fühlen würde. Das tut aber keiner." Dann machte er eine Pause und fügte, fast wehmütig, hinzu: "Und wir haben ein paar wirklich bemerkenswerte Sachen hingekriegt." Tatsächlich hatte er mit Apple in den vergangenen zwölf Jahren eine Reihe von Erfolgen, die ihresgleichen suchen: iMac, iPod, iPod nano, iTunes Store, Apple Stores, MacBook, iPhone, iPad, App Store, OS X Lion - und nicht zu vergessen all die Pixar-Filme. Und noch in seinem finalen Kampf gegen seine Krankheit war Jobs umgeben von einer äußerst loyalen Gruppe von Kollegen, die er viele Jahre lang inspiriert hatte, sowie von einer ihn liebenden Frau, einer Schwester und vier Kindern.
Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, dass sich die wahren Lehren aus dem Wirken von Steve Jobs nur durch die Beschäftigung mit dem ziehen lassen, was er in seinem Leben zustande gebracht hat. Einmal habe ich ihn gefragt, was er für seine wichtigste Schöpfung halte; als Antwort erwartete ich "das iPad" oder "der Macintosh-Rechner". Stattdessen sagte er: das Unternehmen Apple. Ein langlebiges Unternehmen aufzubauen sei viel schwieriger als die Entwicklung eines tollen Produkts - und auch viel wichtiger. Wie er das geschafft hat? Mit dieser Frage werden sich Business Schools wohl in hundert Jahren noch beschäftigen. Hier kommen die 14 Punkte, die ich selbst für die Schlüssel zu Jobs' Erfolg halte.