Wahre Berater sind bescheiden

ESSAY:

HBM Sonderheft 1/2017

Immer noch? Of­fen­sicht­lich: Es sei „eine groß­ar­ti­ge Zeit für Schar­la­ta­ne“, schrieb am 30. Juli 2016 der In­sol­venz­recht­ler Hans Haar­mey­er in der VDI-Pu­bli­ka­ti­on „Ingenieur.de“. Eine ver­wun­der­li­che Fest­stel­lung, denn ei­gent­lich weckt das Wort eher As­so­zia­tio­nen an fah­ren­de Quack­sal­ber längst ver­gan­ge­ner Jahr­hun­der­te, die auf den Märk­ten ängst­li­chen Cha­rak­teren ab­son­der­li­che Heil­mit­tel an­dreh­ten. Nun läge die Ver­mu­tung nahe, dass es sich um eine ver­ein­zel­te feuil­le­to­nis­ti­sche Über­trei­bung han­delt, wenn nicht das­sel­be Mo­tiv in der letz­ten Zeit häu­fi­ger be­müht wür­de. Ju­lia­ne Lutz und Ka­trin Ter­pitz zum Bei­spiel warn­ten im Fe­bru­ar die­ses Jah­res im „Han­dels­blatt“ vor „Schar­la­ta­nen mit grau­en Schlä­fen“. Da wa­ren nun nicht geld­gie­ri­ge Hei­rats­schwind­ler ge­meint, son­dern groß­spre­che­ri­sche Ex­per­ten für Lö­sun­gen hoch kom­pli­zier­ter stra­te­gi­scher Her­aus­for­de­run­gen ohne ent­spre­chen­de Kom­pe­ten­zen.
Zwei feuil­le­to­nis­ti­sche Wen­dun­gen? Das in­spi­riert zu wei­te­rer Re­cher­che. Und tat­säch­lich: Man stößt un­ent­wegt auf sie, seit Lan­gem. Mit un­ge­wöhn­lich bou­le­vardes­ker For­mu­lie­rung zum Bei­spiel in der Fach­zeit­schrift „Per­so­nal­wirt­schaft“ im Au­gust 2007: „Schar­la­ta­ne un­ter­wegs“. Nur Mo­na­te zu­vor im Er­geb­nis in ei­ner Coa­ching­stu­die des re­nom­mier­ten Wirt­schafts­so­zio­lo­gen Ste­fan Kühl, der eine ver­brei­te­te „Schar­la­ta­ne­rie“ dia­gno­s­ti­zier­te. Oder im Sep­tem­ber 1988 in der „Com­pu­ter­wo­che“: „Nur Schar­la­ta­ne ver­spre­chen In­te­gra­ti­ons­lö­sun­gen ohne Pro­ble­me.“ Und als Gip­fel der Ent­rüs­tung be­reits im Früh­som­mer 1972, als der an­sons­ten für sei­nen Es­prit be­kann­te da­ma­li­ge Her­aus­ge­ber des Mit­tel­stands­ma­ga­zins „Im­pul­se“, Jo­han­nes Gross, in ei­nem Edi­to­ri­al so­gar sei­ne jour­na­lis­ti­sche Con­te­nance ver­gaß: „Der Schar­la­tan [...] be­zieht sein An­se­hen ge­ra­de dar­aus, [...] dass er dank ei­ner über­le­ge­nen be­trü­ge­ri­schen Wer­bung weis­ma­chen kann, mehr zu leis­ten, zu voll­brin­gen, er­folg­rei­cher zu sein als der­je­ni­ge, der dem Ge­wer­be se­ri­ös nach­geht. [...] Meis­tens geht es um Theo­ri­en zum an­geb­lich rich­ti­gen Ma­na­ge­ment, die ein­an­der halb­jähr­lich ab­lö­sen, oder um pom­pö­se Wort­bal­lun­gen.“
Der Schar­la­tan – eine ewig irr­lich­tern­de Fi­gur. Er passt sei­ne Heils­ver­spre­chun­gen of­fen­sicht­lich un­abläs­sig und ge­schmei­dig je­dem Zeit­geist an. Da­her ist es schwer, kla­re Züge sei­nes Wir­kens aus­zu­ma­chen und zu er­ken­nen, was nun den ge­schul­ten Be­ra­ter, den er­fah­re­nen Coach, den le­gi­ti­men Kom­pe­tenz­trä­ger, den se­ri­ö­sen Zu­kunfts­for­scher aus­macht. So drän­gen sich zwei Fra­gen auf: Ers­tens: Was cha­rak­te­ri­siert Schar­la­ta­ne? Und zwei­tens: Wie er­kennt man sie?
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