Im Sinkflug

FALLSTUDIE:

HBM Sonderheft 1/2017

Auf der Start­bahn Nord, nur we­ni­ge Hun­dert Me­ter ent­fernt, ging es ge­schäf­tig zu: Im Mi­nuten­takt ho­ben die Ur­laubs­flie­ger ab. Nor­ma­ler­wei­se hat­te Mi­cha­el Kö­s­ter mit dem Lärm kei­ne Pro­ble­me, im Ge­gen­teil: Das Dröh­nen der Mo­to­ren emp­fand er als be­ru­hi­gend. Es gab ihm das Ge­fühl, dass an sei­nem Flug­ha­fen al­les rund­lief. Heu­te je­doch nerv­te ihn das Tur­bi­nen­ge­heul. Sei­ne Lau­ne glich eher dem Nie­sel­re­gen, der die Erde auf der Bau­stel­le in Schlamm ver­wan­del­te.
Der Grund war eine Hi­obs­bot­schaft, die er vor we­ni­gen Ta­gen er­hal­ten hat­te: Air Ad­ler­hof, eine große Flug­ge­sell­schaft, stand vor der In­sol­venz. Der Flug­ha­fen war die Hei­mat­ba­sis des Un­ter­neh­mens. Vie­le Ver­bin­dun­gen wür­den da­mit künf­tig weg­fal­len.
Miss­mu­tig stapf­te Kö­s­ter auf den Bau­lei­ter zu. „Hof­fent­lich nicht noch mehr schlech­te Nach­rich­ten“, dach­te sich der CEO, wäh­rend er sei­nem Mit­ar­bei­ter die Hand schüt­tel­te.
An­ders als er­war­tet, war der Bau­lei­ter gut ge­launt. Die Ar­bei­ten an der künf­ti­gen Hän­ge­bahn la­gen im Zeit­plan. Er hielt Kö­s­ter ein iPad hin. Auf dem Bild­schirm lief eine Com­pu­ter­si­mu­la­ti­on ab: eine Fahrt im Air­train vom S-Bahn­hof zum Flug­ha­fen­ter­mi­nal. Die Bil­der er­in­ner­ten Kö­s­ter an ei­nes der Com­pu­ter­spie­le, mit de­nen sein pu­ber­tie­ren­der Sohn die Aben­de ver­brach­te. Der Bau­lei­ter we­del­te un­ge­dul­dig mit dem iPad, als woll­te er, dass sein Chef ganz ge­nau hin­sah – er war of­fen­sicht­lich be­geis­tert von sei­nem Pro­jekt.
„Se­hen Sie: Die Fens­ter im Air­train sind rie­si­ge Touch­s­creens“, sag­te er. „Was Sie in den Schei­ben se­hen, kön­nen Sie auch ankli­cken. Das Sys­tem er­kennt per Sen­sor­tech­nik, In­ter­net­ver­bin­dung und GPS al­les, was drau­ßen vor­über­zieht – die Ge­bäu­de, den Tower und die Flug­zeu­ge. Das ist al­ler­feins­te Tech­nik. Drücken Sie mal. Nur zu.“
Kö­s­ter patsch­te ein we­nig ver­le­gen mit dem Zei­ge­fin­ger auf dem Dis­play her­um. Per Zu­fall traf er eine Ma­schi­ne, die in der Si­mu­la­ti­on ge­ra­de vom Bo­den ab­hob. Prompt blink­ten Da­ten über Ma­schi­nen­typ, Pas­sa­gier­zahl und Grö­ße auf.
„Ge­nau das wer­den die Pas­sa­gie­re se­hen, wenn sie im Air­train sit­zen und die Fens­ter­schei­ben be­rüh­ren“, sag­te der Bau­lei­ter strah­lend.
„Ver­rückt“, er­wi­der­te Kö­s­ter et­was ver­dutzt. „Das ist ja wie bei ,Raum­schiff En­ter­pri­se'.“
An­fangs war er skep­tisch ge­we­sen: War es wirk­lich nö­tig, die Flug­gäs­te auf dem Weg zum Ter­mi­nal mit teu­rer Aug­men­ted-Rea­li­ty-Tech­nik zu be­glücken? Doch nach­dem die Stadt ih­ren An­teil an der Fi­nan­zie­rung der Hän­ge­bahn ab­ge­seg­net hat­te, war plötz­lich ge­nü­gend Geld da. Die Flug­ha­fen­ge­sell­schaft muss­te nur noch 15 Mil­lio­nen Euro selbst be­zah­len. Das lag weit un­ter der Sum­me, mit der er und sei­ne Vo­stands­kol­le­gen an­fangs ge­rech­net hat­ten. „Wir be­kom­men die mo­d­erns­te Hän­ge­bahn Eu­ro­pas für einen Schnäpp­chen­preis“, hat­te sein Fi­nanz­vor­stand da­mals ge­sagt, und Kö­s­ter war der glei­chen Mei­nung ge­we­sen.
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