Meuterei im Vorstand

FALLSTUDIE:

HBM Sonderheft 1/2016

Kaum vier Mo­na­te war es her, dass im Lon­do­ner Haus von Josh Grey abends um zehn das Te­le­fon läu­te­te. Als Grey die Stim­me von Rius-CEO Jean Dar­jus er­kann­te, be­gann sein Herz schnel­ler zu schla­gen.
„Ent­schul­di­gen Sie die spä­te Stö­rung, Herr Grey“, sag­te Dar­jus. „Wie Sie ja wis­sen, ha­ben wir vor zwei Wo­chen das deut­sche Phar­maun­ter­neh­men Xa­na­du ge­kauft. Aber nun ist et­was Schreck­li­ches pas­siert. Phil­ip­pe Thom, der die Lei­tung von Xa­na­du ei­gent­lich über­neh­men soll­te, hat­te vor­ges­tern einen schwe­ren Au­to­un­fall.“
„O Gott!“, Grey war ge­schockt.
„Ja, es ist furcht­bar. Aber ich kann Sie be­ru­hi­gen: Thom wird wie­der ge­sund. Er wird al­ler­dings ei­ni­ge Mo­na­te au­ßer Ge­fecht ge­setzt sein. Ich möch­te Sie da­her bit­ten, den Pos­ten als CEO von Xa­na­du an sei­ner Stel­le an­zu­tre­ten.“
Das kam über­ra­schend. Grey hat­te zwar ins­ge­heim schon lan­ge auf eine Chan­ce ge­hofft, wenn auch nicht auf eine der­art große. Der Eng­län­der hat­te sei­nen MBA in Lau­san­ne ge­macht und dann sei­ne Kar­rie­re in der Frank­reich-Nie­der­las­sung von Rius be­gon­nen. Rius war ein fran­zö­si­scher Ge­sund­heits­kon­zern mit 26 000 An­ge­stell­ten, von de­nen un­ge­fähr 4000 in der Phar­mas­par­te be­schäf­tigt wa­ren.
In Frank­reich war Grey zum Be­reichs­lei­ter Mar­ke­ting für die Spar­te Re­zept­freie Me­di­ka­men­te auf­ge­stie­gen und an­schlie­ßend ei­ni­ge Jah­re in den USA als Ver­trie­bs­lei­ter tä­tig ge­we­sen. Seit drei Jah­ren ver­ant­wor­te­te er von Lon­don aus das Glo­bal Mar­ke­ting. Es war Zeit für den nächs­ten Kar­rie­re­schritt. Aber ob­wohl Grey in Ent­wick­lungs­ge­sprä­chen mehr­fach sei­ne Be­reit­schaft si­gna­li­siert hat­te, eine neue Auf­ga­be zu über­neh­men, hat­te sich noch nichts ge­tan. Es war tra­gisch, dass er die­se Chan­ce aus­ge­rech­net dem Un­fall ei­nes Kol­le­gen ver­dank­te. Aber Dar­jus hat­te an ihn ge­dacht! Das war sen­sa­tio­nell.
„Eine sol­che In­te­gra­ti­on zu ma­na­gen ist eine große, ein­ma­li­ge Her­aus­for­de­rung für Sie“, sag­te Dar­jus. „Glau­ben Sie nicht, dass das ein­fach wird. Xa­na­du kann eine lan­ge Tra­di­ti­on und große Er­fol­ge vor­wei­sen. Ich las­se Ih­nen die Map­pe zu­kom­men, die Thom über Xa­na­du zu­sam­men­ge­stellt hat. Wenn Sie mehr In­for­ma­tio­nen be­nö­ti­gen, wen­den Sie sich an mei­nen As­sis­ten­ten. Den­ken Sie dar­über nach, und sa­gen Sie mir bis über­mor­gen Abend Be­scheid.“ Als Grey den Hö­rer auf­leg­te, war er hell­wach. Er ging ins Schlaf­zim­mer, um sei­ne Frau Ali­ce zu we­cken.
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