Schmerzhafte Offenheit

UNTERNEHMENSKULTUR:

HBM Sonderheft 1/2015

In fast al­len Un­ter­neh­men ge­hen die meis­ten Men­schen ei­nem zwei­ten Job nach, für den sie nicht ein­ge­stellt wur­den - ei­ner Auf­ga­be, die Tag für Tag viel Ener­gie ver­schlingt und de­ren Aus­maß wir ge­ra­de erst be­grei­fen: Sie schüt­zen ih­ren Ruf, prä­sen­tie­ren der Welt eine hei­le Fassa­de und ver­ber­gen ihre Schwä­chen, vor sich selbst und vor an­de­ren. Un­se­rer An­sicht nach gibt es heut­zu­ta­ge in Un­ter­neh­men kei­ne grö­ße­re Res­sour­cen­ver­schwen­dung.
Was wür­de ge­sche­hen, wenn nie­mand die­sem „Zweit­job“ nach­gin­ge? Was, wenn Mit­ar­bei­ter ihre Schwä­chen nicht ver­ste­cken müss­ten, son­dern sie be­reit­wil­lig prä­sen­tie­ren und dar­aus ler­nen könn­ten? Und was, wenn Un­ter­neh­men dies för­der­ten? Wenn eine Fir­men­kul­tur Feh­ler nicht als Schwach­stel­len an­sä­he, son­dern als Mög­lich­keit, sei­ne Per­sön­lich­keit wei­ter­zu­ent­wi­ckeln?
Drei Jah­re lang ha­ben wir nach sol­chen Un­ter­neh­men ge­sucht. Wir be­zeich­nen sie als „De­li­be­ra­te­ly De­ve­lop­men­tal Or­ga­ni­za­ti­ons“ (DDO) - also als In­sti­tu­tio­nen, die die Ent­wick­lung ih­rer Mit­ar­bei­ter be­wusst in den Mit­tel­punkt stel­len. Wir ha­ben uns in un­se­rem Netz­werk um­ge­hört, an­de­re Aka­de­mi­ker ge­fragt, Be­ra­ter, Per­so­nal­ent­wick­ler und Füh­rungs­kräf­te, ob sie Un­ter­neh­men ken­nen, die die Ent­wick­lung der Per­sön­lich­keit je­des ein­zel­nen Mit­ar­bei­ters zum fes­ten Be­stand­teil der täg­li­chen Ar­beit ge­macht ha­ben. Wir such­ten nach Un­ter­neh­men aus al­ler Welt, egal ob bör­sen­no­tiert oder nicht, mit min­des­tens 100 Mit­ar­bei­tern und die min­des­tens fünf Jah­re be­ste­hen.
All un­se­re Be­mü­hun­gen för­der­ten ge­ra­de ein­mal rund 20 Un­ter­neh­men zu­ta­ge. Aus die­sem Grüpp­chen sta­chen zwei ganz be­son­ders her­vor: Bridge­wa­ter As­so­cia­tes, eine An­la­ge­be­ra­tung an der ame­ri­ka­ni­schen Ost­küs­te, und die De­cu­ri­on Cor­po­ra­ti­on aus Ka­li­for­ni­en. Sie be­sitzt und ver­wal­tet Im­mo­bi­li­en, Ki­nos und ein Se­nio­ren­wohn­heim. Bei­de er­fül­len un­se­re Kri­te­ri­en ei­ner De­li­be­ra­te­ly De­ve­lop­men­tal Or­ga­ni­za­ti­on seit über zehn Jah­ren. Glück­li­cher­wei­se sind sie in sehr ver­schie­de­nen Bran­chen ak­tiv und wa­ren be­reit, sich als Stu­die­n­ob­jekt zur Ver­fü­gung zu stel­len.
Die­se Un­ter­neh­men ge­hen von ei­ni­gen grund­sätz­li­chen An­nah­men aus: 1. Auch er­wach­se­ne Men­schen kön­nen sich wei­ter­ent­wi­ckeln. 2. Es ist nicht nur wün­schens­wert, Ge­winn­stre­ben eben­so wie die per­sön­li­che Wei­ter­ent­wick­lung al­ler Mit­ar­bei­ter im Blick zu ha­ben - die bei­den The­men sind so­gar mit­ein­an­der ver­floch­ten. 3. Ren­ta­bi­li­tät und per­sön­li­che Wei­ter­ent­wick­lung be­nö­ti­gen Struk­tu­ren, die je­den Aspekt des ope­ra­ti­ven Ge­schäfts durch­we­ben. 4. Men­schen wach­sen durch die rich­ti­ge Kom­bi­na­ti­on aus For­dern und För­dern. Dazu ge­hört es, Schwach­punk­te, Ein­schrän­kun­gen und in­ne­re Wi­der­stän­de ge­gen Ver­än­de­run­gen zu er­ken­nen und zu über­win­den.
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