Von Christina Kestel
Schwungvoll trat Ilona Nolte aus der Drehtür heraus in die lichte Empfangshalle der ComSpar Bank. Ihr Blick fiel auf die große Uhr über dem Empfangstresen - die Zeiger standen auf Viertel nach acht. Der Empfangschef hatte eine Nachricht für sie: "Guten Morgen, Frau Nolte, Herr Trummer hat sich für zehn Uhr angekündigt!" "Alles klar, vielen Dank", rief Nolte und ging in Richtung Fahrstuhl.
Die Filialleiterin der ComSpar-Niederlassung in Berlin-Steglitz war für einen Montagmorgen spät dran. Und das ausgerechnet heute, wo ein wichtiges Gespräch mit ihrer Belegschaft anstand und sie sich noch ein paar Argumente dafür zurechtlegen wollte. Aber ihre Kinder hatten ein pünktliches Erscheinen bei der Arbeit durch ihre Streitigkeiten zu verhindern gewusst.
Trauernde Mitarbeiter: Gedenken im Büro
Hätte sie zu diesem Zeitpunkt gewusst, was der Tag noch an unangenehmen Entwicklungen für sie parat hielt, hätte sie über diese Kleinigkeiten vermutlich geschmunzelt. Sie atmete tief durch, als sich die Fahrstuhltür hinter ihr schloss. Ein paar Sekunden Ruhe. "Was Kai Trummer wohl besprechen will?", fragte sie sich. Normalerweise bemühte sich der Personalchef der ComSpar nicht extra von der Zentrale am Potsdamer Platz in die Steglitzer Filiale.
Nolte verließ den Aufzug in der obersten Etage und steuerte ihr Büro an. Worum auch immer es ging, sie konnte definitiv keine neuen Probleme gebrauchen. Die 37-Jährige hatte genügend auf der Agenda. Ein Blick in ihren Terminkalender ließ sie erneut aufseufzen. Da war zum einen ein wichtiger Jour fixe zur Softwareumstellung für die gesamte Abteilung, die sich seit Wochen hinzog. Und dann die Konferenz um 13 Uhr, bei der sie den Kollegen die neuen, härteren Zielvorgaben aus der Zentrale verkünden musste.
Wie alle in der Branche hatte ComSpar unter den Auswirkungen der Finanzkrise zu leiden. Die Bank war hauptsächlich in Berlin vertreten, sie verfügte über rund 110 Filialen und 30 Privatkundencenter mit insgesamt 3700 Mitarbeitern. Einige Filialen und Center ergänzten im umliegenden Brandenburg das Angebot. Nach den Umstrukturierungen im Zuge der Finanzkrise wurde bei den Personalausgaben kräftig gespart, rund 300 Mitarbeiter mussten gehen oder wurden vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Nolte musste drei Mitarbeitern kündigen. Zu allem Überfluss hatte ihr Stellvertreter die Bank vor ein paar Monaten verlassen. Die Neubesetzung dieser Stelle war vorgesehen, aber noch nicht erfolgt.
Der Selbstmord eines Mitarbeiters ist immer ein durchrüttelndes Ereignis. Die Frage nach der persönlichen Schuld stellen sich viele Vorgesetzte in den eigenen vier Wänden. Jedoch ist es in diesem Fall wohl nicht angebracht von Schuld zu reden. Selbstmord als Ultima Ratio ist auch in Berufen unter Druck kaum zu erwarten. Ilona Nolte ist aber zutiefst verunsichert, weil sie sich vorwirft Warnsignale übersehen zu haben. Durch die Finanzkrise hatte sich die [...] mehr...