RSS Freitag, 24. Mai 2013
Text minus plus
17.01.2011

Fallstudie

Erbsenzählerin oder Strategin - Was Experten raten

Von Trish Gorman Clifford und Jay Barney

Die Ingenieure des Verpackungsspezialisten HGS haben ein neues, vielversprechendes Material entwickelt. Der CEO plant damit den Einstieg in die Bekleidungsbranche. Doch Finanzchefin Shirley Rickert hat Bedenken. Soll sie objektive Informationen liefern oder eine Empfehlung für das weitere Vorgehen aussprechen? Lesen Sie, was die Experten raten.

Blythe McGarvie

Dieser Fall erinnert mich an eine Situation, in der ich mich selbst befand. Als ich bei Sara Lee arbeitete, stellte der CEO Überlegungen an, ein Unternehmen in Finnland zu kaufen, um sich einen bedeutenden Anteil am skandinavischen Markt für Unterwäsche und Strumpfartikel zu sichern.

Nachdem ich eine sorgfältige Analyse des Vorhabens angefertigt hatte, stellte ich fest, dass es besser für unser Unternehmen wäre, die Firma nicht zu kaufen. Ich tat, worum mein Chef mich gebeten hatte und analysierte die finanziellen Aspekte des Geschäfts. Zusätzlich führte ich zehn Punkte auf, weshalb diese Übernahme in meinen Augen langfristig ganz klar schlecht für unser Unternehmen sein würde.

Shirley Rickert sollte auch der Bitte ihres Chefs nachkommen und die finanziellen und marktwirtschaftlichen Auswirkungen der möglichen Szenarien analysieren und erklären, was es bedeutet, wenn: (1) Plastiwear nicht genutzt wird; (2) HGS sich einen Partner für einen gemeinsamen Markteintritt sucht; (3) HGS ohne Kooperationspartner den neuen Markt erobert.

Sie hat ihr Team beauftragt, in einer Modellrechnung zusammenzustellen, was notwendig wäre, um mit Plastiwear Gewinne zu erzielen. Sie sollte sehr deutlich klarmachen, welche drei bis fünf Schlüsselannahmen dem Modell zugrunde liegen (Preisgestaltung; Kosten für Rohstoffe, die bei Plastik von den stark schwankenden Ölpreisen abhängen, Marketingund Vertriebskosten).

Der neue
Harvard Business Manager

 

Die 3 Regeln für den Erfolg

Eine große Exzellenzstudie zeigt, worauf es in Unternehmen wirklich ankommt

Inhalt
Im Kern ihrer Analyse sollte sie erklären, was das Unternehmen aus einem Testmarkt lernen könnte. Wenn HGS heute eine kleine Investition tätigt, um zu erfahren, wie gut oder schlecht Verbraucher Plastiwear annehmen, wird es später eine Abschreibung in erheblicher Höhe vermeiden oder wertvolle Informationen für die Produkteinführung gewinnen. Konkurrenten werden zwar von der Existenz des Produkts erfahren, aber aufgrund des Patents nicht in der Lage sein, die Technologie nachzuahmen.

Switzer erwartet von Rickert, dass sie eine bestimmte Aufgabe erledigt. Wenn sie seiner Bitte nachkommt, wird dies förderlich für das gegenseitige Vertrauen sein. Shirley Rickert ist Mitglied des Topmanagements. Es gehört zu ihren Aufgaben, eine fundierte Einschätzung vorzunehmen. Von ihr wird selbstständiges Denken erwartet. Sie ist CFO und muss dem Managementteam kluge Empfehlungen geben. Deshalb muss sie eine eigene Meinung haben. Sollte sie anderer Meinung sein als einflussreiche Kollegen oder als ihr Chef, gilt es, dies höflich und geschickt vorzubringen. Das wird sie sicher nicht ihren Job kosten. Doch sie muss ihren Standpunkt überzeugend vorbringen, ihre Annahmen, die Analyse, die Wettbewerbssituation des Unternehmens und die Vision für zukünftiges Wachstum offenlegen.

Rickert sollte auch von ihrem Team - wie ich es nenne - "Rahmenszenarien" vorbereiten lassen: zwei weitere Szenarien, in denen untersucht wird, was im besten und im schlimmsten Fall passieren kann, wenn die Schlüsselannahmen sich als falsch herausstellen. Ihr Chef befolgt ihren Ratschlag vielleicht nicht, das ist sein gutes Recht. Doch Rickert weiß dann, dass sie ihr Bestes gegeben hat.

Es scheint so, als verfolgten Albright und Beckett ihre eigenen Pläne. Das Einzige, was zählt, ist eine Möglichkeit, das Geschäft aufzubauen und andere für die Strategie zu gewinnen oder zu erklären, weshalb sie nicht funktionieren wird. Wenn Plastiwear nicht die Lösung ist, welche Alternativen gibt es? Wenn die Topmanager des Unternehmens nicht darlegen können, wie und mit wem sie Wachstum generieren möchten, hat es das Unternehmen verdient, von einem anderen übernommen zu werden!

Blythe McGarvie ist CEO der LIF Group. Sie ist Mitglied im Board von Accenture, The Travelers Companies, Viacom und Wawa. Früher war sie Finanzchefin bei der Société Bic und bei Hannaford Brothers.

Blättern: Teil 1 / 3

© 2010 Harvard Business Publishing, 2011 Harvard Business Manager
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
HBM-Fallstudien

HBM-Editionen

Das Beste aus dem Harvard Business Manager
zu einem Thema




Nach oben