Von Martin-Niels Däfler
Zu Anfang dieses Jahres veröffentlichte der Deutsche Gewerkschaftsbund die Studie"Psycho-Stress am Arbeitsplatz". Demnach fühlen sich 56 Prozent der Beschäftigten stark oder sehr stark am Arbeitsplatz gehetzt. Das Ergebnis überrascht kaum. Diverse Krankenkassen und andere Institutionen haben schon länger und wiederholt alarmierende Zahlen verkündet: Demnach nehmen die stressbedingten Krankheiten rapide zu.
Dem gegenüber steht eine Studie der Deutschen Universität für Weiterbildung, die uns wissen lässt, dass sich elf Prozent der Erwerbstätigen beruflich unterfordert fühlen. Eine Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services hat einen ähnlich hohen Wert ermittelt - zehn Prozent der Befragten gaben an, sich bei der Arbeit zu langweilen. Verstörend wirken weitere Studienergebnisse. So hat der Hightech-Verband Bitkom herausgefunden, dass jeder zweite Berufstätige das Web während der Arbeit für private Zwecke verwendet.
Eine Umfrage der Softwarefirma Clearswift lieferte noch höhere Zahlen, zumindest für die Altersgruppe der 25 bis 34-Jährigen: 57 Prozent erledigen private Aufgaben - wie das Checken ihrer sozialen Netzwerke und Online-Einkäufe - während der Arbeitszeit. Und nahezu jeder Beschäftigte führt regelmäßig Privattelefonate in der Firma. Ich habe das Gefühl: Da passt etwas nicht!
Ein Teil der Widersprüche lässt sich sicherlich durch die Heterogenität der Studienmethoden erklären. Naheliegend ist auch, dass die Untersuchungsdesigns - um es vorsichtig zu formulieren - immer auch von den Intentionen der Fragenden geleitet werden. Dennoch muss es eine veritable Schnittmenge geben: Nämlich Mitarbeiter, die einerseits über eine enorme Arbeitslast und Hetze klagen, andererseits aber immer noch genügend Zeit finden, im Büro den Urlaub zu buchen, nachzuschauen, was die Freunde auf Facebook schreiben oder mit Mutti zu telefonieren.
Sicherlich nehmen sich Mitarbeiter hin und wieder mit dieser Argumentation Zeit für ihre persönlichen Bedürfnisse, aber als alleinige Erklärung reicht das kaum. Ich denke: Viel eher haben die gegensätzlichen Umfragebefunde etwas mit unserem Stressempfinden beziehungsweise mit der zeitgeistbedingten Interpretation von Stress zu tun.
Der Schweizer Historiker Patrick Kury spricht in seiner Habilitationsschrift zu Recht von Stress als einem "wissenschaftlichen und medialen Großereignis" und zeichnet die Geschichte des "überforderten Menschen" nach. So verweist er unter anderem auf einen Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1976 (!) mit dem bezeichnenden Titel "Streß. Neue Krankheit des Jahrhunderts".

Um es klar zu sagen: Wir lamentieren schon seit Jahrzehnten, heute jedoch noch mehr als früher. Die "Stress-Schmerz-Schwelle" ist meines Erachtens gesunken. Ich erlebe es immer wieder: Diejenigen, die am lautesten über Hetze und Druck klagen, sind oft auch diejenigen, die - freundlich ausgedrückt - noch große persönliche Effizienzreserven haben. Das ist hypochondrischer Stress und keine echte Überlastung.
Was ist schlimm daran, sich als gestresst zu bezeichnen, wenn man es gar nicht ist? Die Gefahr liegt in der Verselbstständigung der Gedanken. Im Talmud ist die Wirkkette beschrieben: "Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal." Neudeutsch würde man von einer "selfulfilling prophecy" sprechen.
Hören wir endlich auf damit, die Wörter Stress, Überlastung, Druck und Burn-out leichtfertig in den Mund zu nehmen. Machen wir uns klar, dass es einen Unterschied gibt zwischen "ich habe (gerade) viel zu tun" und "ich bin (total) gestresst". Wer nach dem Motto verfährt, "Jammern gehört zum Handwerk" und munter in das Stress-Gestöhn einstimmt, der handelt achtlos. Er diskreditiert damit jene, die wirklich (über die Maßen) gestresst sind. Denn diese Menschen gibt es zweifellos in unserer postindustriellen Gesellschaft, die niemals still steht.
Ich plädiere für einen verantwortungsvolleren Umgang mit diesen Begriffen. Wir dürfen sie nicht durch einen inflationären und leichtfertigen Gebrauch entwerten. Sie sollten für jene vorbehalten sein, auf die sie tatsächlich zutreffen. Also: Ja, es gibt Stress. Ja, Stress hat in den letzten Jahren zugenommen. Aber nicht in den Dimensionen, die nahezu täglich in den Medien zu vernehmen sind.
Die Liste der Stressoren ist freilich lang, gleichwohl rangiert "Hetze/zu wenig Zeit für zu viel Arbeit" ganz oben auf der Rangliste stressauslösender Faktoren. Natürlich müsste eine umfassende Analyse des Themas eine Betrachtung aller psychisch-mentalen, physikalische, soziale ... Stressverursacher beinhalten, doch dies ist bei einem (bewusst) provozierenden Kommentar nicht möglich und auch nicht gewollt. Einen stressfreien Arbeitstag wünscht [...] mehr...
Ich denke das Thema Stress greift deutlich zu kurz wenn es nur um die zeitliche Komponente an einem Arbeitstag geht. Was ist denn mit Dingen wie z.B. der Druck bestimmte Ziele über eine längerfristige Periode zu erreichen, drohender Arbeitsplatzabbau oder ähnliches? F95 mehr...
Ich freue mich über die lebhafte Diskussion, die zustimmenden sowie kritischen Kommentare. Um Eines klar zu stellen: Freilich ist Stress subjektiv und als Externem steht es einem nicht zu, über das Ausmaß des empfundenen Stressniveaus anderer zu urteilen. Genauso offensichtlich ist (u. a. ablesbar an entsprechenden Krankheitsstatistiken), dass es heute mehr Gestresste gibt als früher. Mein Anliegen war, die Diskussion um Stress und Burn-out etwas zu [...] mehr...
Der Punkt "lamentieren" ist ein guter Einstieg, worüber wird hier lamentiert? Was ist Stress und wenn das steht, gilt für jeden das gleiche Kriterium? Also ich habe noch nicht von so einem allgemeingültigen Kriterium gehört. Fazit des Artikels ist die gute alte Bundeswehr Parole: Hintern zusammenkneifen und es nehmen wie es kommt und nicht so viel jammern. Hier eine Alternativdeutung - Menschen die in ein Unternehmen kommen und dort [...] mehr...
Aus meinem beruflichen Umfeld heraus habe ich die Erfahrung gemacht, dass häufig diejenigen, welche sich lautstark über ihre enorme Arbeitsbelastung äußern, eher denjenigen zuzuordnen sind, deren tatsächliche Arbeitsleitstung eher überschaubar ist. Hier gilt häufig das Motto: nur wer jammert, wird von seinen Vorgesetzten wahrgenommen. Dabei ist es kein Widerspruch, wenn diejenigen auch noch während ihrer Arbeitszeit private Angelegenheiten erledigen [...] mehr...