Von Hartmut Hillebrand
Kyle Wiens hat seine Fixierung auf die Grammatik offensichtlich aus seiner unternehmerischen Wirklichkeit heraus entwickelt. Für seine Firmen ist der Umgang mit Sprache von grundlegender Bedeutung. Reparatur-Anleitungen und die Erstellung von technischen Dokumentationen sind ja der Kern des Geschäfts. Wir Endverbraucher können uns nur darüber freuen, wenn wir bei Bedarf verständliche Handbücher und Dokumentationen in die Finger bekommen.
Wiens Radikalität und Verallgemeinerung hat aber ihre Grenzen, und das beginnt bereits im eigenen Unternehmen. Nicht für alle Tätigkeiten ist Penibilität im Umgang mit Sprache das Entscheidende. Der Buchhalter muss kompromisslos hinsichtlich der Genauigkeit des Zahlenwerks sein, der Verkäufer muss das Vertrauen des Kunden gewinnen, wobei die non-verbale Kommunikation eine große Rolle spielt.
Wiens Begründungen sagen etwas über ihn und seine Auswahlkriterien aus: fehlerfreier Umgang mit Sprache, die klare Strukturierung von Abläufen, Texten und Programmen und die Liebe zum Detail. Das ist für ihn wichtig. Gegen den Gebrauch dieser Kriterien ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Nur lassen sie sich nicht aus einem Grammatiktest ableiten.
Die professionelle Auswahl neuer Mitarbeiter ist eine der wichtigsten Aufgaben einer Organisation und eines Managers. Im Vordergrund stehen dabei die fachlichen und persönlichen Eigenschaften des Bewerbers, die für die zu besetzende Stelle wichtig sind. Selbstverständlich gehört dazu auch der Umgang mit Sprache. Das fängt schon mit den Anschreiben an. Kann der Bewerber sich so ausdrücken, dass sein Anliegen klar wird? Ist sein CV sauber strukturiert? Auch im Bewerbungsgespräch (der Name sagt es ja!) geht es um Sprache. Können Bewerber Fragen verständlich beantworten? Wie gehen sie mit Sprache um? Falls sie dabei Schwächen zeigen: Gibt es Erklärungen dafür?
Wer sich aber auf den Gebrauch der Grammatik als Kernauswahlkriterium für alle unternehmerischen Tätigkeiten fokussiert, der verzichtet notwendigerweise auf viele gute Mitarbeiter und weiß am Ende nur eines: ob der Kandidat gut in Grammatik ist.
Lesen Sie auch die Beiträge von Kyle Wiens: "Schlechte Grammatik - kein Job!" und von Armin Trost: "Bitte keine Bauernregeln".
"Because of competence you hire, because of character you fire!" Diesen Grundsatz habe ich in meiner Karriere oft bestätigt gefunden. Auf welche Weise ich die Kompetenz eines potentiellen Mitarbeiters einschätze ist dabei sicher sehr von Branche und Aufgabe abhängig. Das sprachliche Kompetenz und schriftliches Ausdrucksvermögen heute eher zu den seltenen Kompetenzen gehört ist sicher bei allen, die Personal einstellen, unbestrittene [...] mehr...