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13.09.2012

Personal

Wann Sprache bei der Auswahl hilft

Von Hartmut Hillebrand

Sprache und der Umgang mit ihr ist in unserer globalen Wissensgesellschaft die Grundlage für einen Großteil gelungener Kommunikation. Daher sollte möglichst jeder souverän damit umgehen können. Ein Grammatik-Test kann deshalb sinnvoll sein - verstellt jedoch möglicherweise den Blick auf gute Kandidaten.

Kyle Wiens hat seine Fixierung auf die Grammatik offensichtlich aus seiner unternehmerischen Wirklichkeit heraus entwickelt. Für seine Firmen ist der Umgang mit Sprache von grundlegender Bedeutung. Reparatur-Anleitungen und die Erstellung von technischen Dokumentationen sind ja der Kern des Geschäfts. Wir Endverbraucher können uns nur darüber freuen, wenn wir bei Bedarf verständliche Handbücher und Dokumentationen in die Finger bekommen.

Personal: In der Praxis hat sich herausgestellt, dass die Kombination verschiedener Verfahren die Qualität der Auswahl verbessert

Personal: In der Praxis hat sich herausgestellt, dass die Kombination verschiedener Verfahren die Qualität der Auswahl verbessert

© Corbis
Wiens Radikalität und Verallgemeinerung hat aber ihre Grenzen, und das beginnt bereits im eigenen Unternehmen. Nicht für alle Tätigkeiten ist Penibilität im Umgang mit Sprache das Entscheidende. Der Buchhalter muss kompromisslos hinsichtlich der Genauigkeit des Zahlenwerks sein, der Verkäufer muss das Vertrauen des Kunden gewinnen, wobei die non-verbale Kommunikation eine große Rolle spielt.

Wiens Begründungen sagen etwas über ihn und seine Auswahlkriterien aus: fehlerfreier Umgang mit Sprache, die klare Strukturierung von Abläufen, Texten und Programmen und die Liebe zum Detail. Das ist für ihn wichtig. Gegen den Gebrauch dieser Kriterien ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Nur lassen sie sich nicht aus einem Grammatiktest ableiten.

Die professionelle Auswahl neuer Mitarbeiter ist eine der wichtigsten Aufgaben einer Organisation und eines Managers. Im Vordergrund stehen dabei die fachlichen und persönlichen Eigenschaften des Bewerbers, die für die zu besetzende Stelle wichtig sind. Selbstverständlich gehört dazu auch der Umgang mit Sprache. Das fängt schon mit den Anschreiben an. Kann der Bewerber sich so ausdrücken, dass sein Anliegen klar wird? Ist sein CV sauber strukturiert? Auch im Bewerbungsgespräch (der Name sagt es ja!) geht es um Sprache. Können Bewerber Fragen verständlich beantworten? Wie gehen sie mit Sprache um? Falls sie dabei Schwächen zeigen: Gibt es Erklärungen dafür?

Jede Firma hat für sich definiert, wie ein Auswahlprozess stattfinden soll. Gibt es ein Assessment-Center-Verfahren? Werden psychologische Tests eingesetzt oder Handschriftenanalysen vorgenommen? Welche Verfahren auch immer zum Einsatz kommen: Es gibt niemals eine hundertprozentige Garantie für die Prognose zukünftiger Leistungen eines Bewerbers. Daher hat sich in der Praxis herausgestellt, dass die Kombination verschiedener Verfahren und Daten die Qualität der Auswahl verbessert. Vor allem die Eindrücke von möglichst vielen Gesprächspartnern ist das Kernelement eines professionellen Auswahlverfahrens. Darum kann der Einsatz eines Grammatiktests als entscheidendes Auswahlverfahren genau dort richtig sein, wo der systematische Gebrauch der Sprache Kern der Arbeit ist (zum Beispiel beim Erstellen von Dokumentationen).

Wer sich aber auf den Gebrauch der Grammatik als Kernauswahlkriterium für alle unternehmerischen Tätigkeiten fokussiert, der verzichtet notwendigerweise auf viele gute Mitarbeiter und weiß am Ende nur eines: ob der Kandidat gut in Grammatik ist.

Lesen Sie auch die Beiträge von Kyle Wiens: "Schlechte Grammatik - kein Job!" und von Armin Trost: "Bitte keine Bauernregeln".

Hartmut Hillebrand ist Senior Vice President bei SAP. Für das Unternehmen arbeitet er seit 1987, seit 1997 als Personalleiter. Hartmut Hillebrand studierte Germanistik, Politologie, Philosophie und Pädagogik in Berlin und schloss nach dem Ende seines Referendariats ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an.

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