Einige Tage lang habe ich dem Drang widerstanden, Anne-Marie Slaughters Artikel "Warum Frauen doch nicht alles haben können" im US-Magazin "The Atlantic" zu kommentieren. Doch als Autorin von "Baby Hunger" und "The War Against Parents" (zusammen mit Cornel West), kann ich nur zu gut vom schmerzvollen Kampf zwischen berufstätigen Müttern und Hausfrauen mit Kindern (sogenannten Mommy Wars) berichten. Diesmal mache ich es vom Spielfeldrand aus.
Einige wichtige Dinge sind in dem Artikel nicht angesprochen worden.
Zunächst einmal sind da die 41 Prozent aller berufstätigen Frauen, die sich heutzutage entscheiden keine Kinder zu bekommen. Anders als zehn Jahre zuvor stehen sie hinter dieser Entscheidung. Angesichts solcher eingrenzender Umstände wie hoher Arbeitslosigkeit und geringer Wirtschaftskraft glauben viele Frauen, dass es weiser ist, wenige Dinge gut zu erledigen (eine erfüllende Karriere, eine liebevolle Partnerschaft) als mehrere Dinge weniger gut zu tun. Diese große Gruppe von Frauen ist in der Diskussion über Slaughters Artikel bisher unberücksichtigt geblieben. Das ist sehr schade. Es gibt weder ein Defizit-Modell (kinderlose Frauen oder in Slaughters Worten "Frauen ohne Familien"), noch eine oder zwei Ideen, die uns dieses "Alles haben können" lehren könnten.
Zum zweiten sind die Lösungsansätze von Anne-Marie Slaughter erschreckend unrealistisch. Sie propagiert unter anderem den Ausbau gesellschaftlicher Unterstützungen für arbeitende Eltern. Ich habe die letzten 20 Jahre damit verbracht, genau dies zu versuchen. Es hat ein paar Entwicklungen im privaten Sektor gegeben, aber im Staatsdienst sind wir Lichtjahre davon entfernt. In diesem Wahljahr in den USA ist das Thema bezahlte Elternzeit nicht einmal auf der Agenda der Demokratischen Partei zu finden - wo es vor 15 Jahren noch war. Ob Sie es mögen oder nicht, die Vereinigten Staaten haben sich nach rechts entwickelt und die Idee von der Verabschiedung eines Gesetzes, das Kinderbetreuung staatlich bezuschusst oder gar die Schultage verlängert, kommt einem Hirngespinst gleich.
Als Führungskräfte können wir ein wenig tun, wir können jüngeren Frauen die Erlaubnis und Unterstützung geben, Ambitionen zu entwickeln und aufrechtzuerhalten. Und genau das ist der Punkt, an dem Slaughters Beitrag sein Ziel verfehlt.
Als Walt Disney sich verpflichtete Disney World in Floridas Sümpfen zu errichten, wusste er, dass er das Schloss als erstes bauen musste. Ihm war diese Erhabenheit und Magie eines Märchenschlosses nur allzu bewusst - sie würde als eine Art Leuchtfeuer dafür Sorge tragen, die Heerscharen an Arbeitern unter schwierigsten Bedingungen zur bestmöglichen Leistung anzutreiben und ausharren zu lassen.
Ich würde mir wünschen, Anne-Marie Slaughter hätte ein ebensolches Leuchtfeuer geliefert, das für die Hoffnung der hart arbeitenden berufstätigen Frauen steht, indem sie die Befriedigung ihrer außergewöhnlichen Karriere genauer schildert. Sie ist enorm inspirierend, muss aber noch viel dran arbeiten. Die frühere Dekanin der Woodrow Wilson School aus Princeton (an deren Fakultät ich einst war) und zuletzt als Chefin des Planungsstabes im US-Außenministerium tätige Karrierefrau hat spannende Geschichten zu erzählen, die das Rückgrat jeder Frau stärken könnte, die einen Unterschied machen will.
Die Überzeugung, junge Frauen brauchen Geschichten über Kampf und Aufopferung, ist so überflüssig wie ein Kropf. Angesichts der ökonomischen Realität müssen sie ihren Jobs treu bleiben und Strohfeuer der Angst und Schuld erweisen ihnen dabei keinen Gefallen.