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zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2012, 07:41 Uhr

Selbstmanagement

Warum Stress gut für Sie ist

Von Tony Schwartz

Nicht Stress ist das Übel der modernen Arbeitswelt, sondern die Grauzone, in der viele Menschen stecken: Bei der Arbeit nicht völlig bei der Sache, in der Freizeit kaum einmal tief entspannt. Wie Sie Ihrem Leben eine neue Balance geben.

Wie häufig verlassen Sie absichtlich Ihre Komfort-Zone?

Ich gebe zu, das klingt etwas seltsam. Aber ich frage aus folgendem Grund: Sich selbst Stress aussetzen ist der einzige Weg, systematisch stärker zu werden - physisch, emotional, mental und spirituell. Sie werden stetig schwächer, wenn Sie das nicht tun.

Wir leben mit dem Mythos: Stress ist immer negativ. Tatsächlich ist es so: Das Problem ist unsere Unfähigkeit, eine Balance zwischen Stress und Entspannung zu finden. Fordern Sie Ihren Körper zu sehr heraus und das ohne Pause - Stichwort chronischer Stress - werden Burnout und ein Zusammenbruch tatsächlich das Resultat sein. Meiden Sie aber konsequent jeden Stress, dann wird Ihr Körper schwächer und verkümmert.

Nur wenige von uns treiben sich selbst hart genug an, um unser Potenzial wirklich auszuschöpfen. Wir entspannen uns auch nicht genug, schlafen zu wenig und laden unsere Akkus nicht lange genug auf, wie wir es eigentlich tun sollten.

Dieser Zusammenhang wird auf der physischen Ebene am einfachsten deutlich: Ohne regelmäßiges Training des Herz- und Kreislaufsystems - auch eine Form von Stress - verliert das Herz zwischen dem 30. und 70. Lebensjahr durchschnittlich jedes Jahr ein Prozent der Fähigkeit, Blut durch den Körper zu pumpen. In den Lebensjahren danach beschleunigt sich dieser Prozess. Genauso verhält es sich mit der Körperkraft: Ohne Krafttraining - buchstäblich Gewichte gegen Widerstand stemmen - verlieren wir nach dem 30. Geburtstag im Schnitt jedes Jahr rund 1 Prozent unserer ohnehin knappen Muskelmasse.

Aber wir können diese Effekte drastisch umkehren, sogar in späten Lebensjahren. In einer Untersuchung (es gibt eine ganze Reihe zu diesem Thema) absolvierte eine Gruppe von Altenheim-Bewohnern mit einem Durchschnittsalter von 87 Jahren ein Trainingsprogramm. Es bestand aus drei Einheiten in der Woche, jeweils 45 Minuten lang. Zwischen den einzelnen Durchgängen und zwischen den Trainingseinheiten erhielten die Probanden genug Zeit, um sich auszuruhen. Im Durchschnitt verdoppelten die Teilnehmer ihre Körperkraft in nur zehn Wochen.

Das Prinzip dahinter ist einfach, aber nicht völlig intuitiv. Je mehr Sie Ihren Körper fordern, desto stärker signalisieren Sie ihm, an den Aufgaben zu wachsen. Man nennt das auch Superkompensation. Das Wachstum geschieht vorrangig in der Erholungsphase. Der limitierende Faktor ist hauptsächlich, wie viel Belastung Sie auszuhalten bereit sind.

Denken Sie für einen Moment über Aufmerksamkeit nach. Großen Leistungen liegt absolute Konzentration zu Grunde. Leider macht unser Bewusstsein manchmal, was es will - es springt von einem Gedanken zum nächsten. In unserem digitalen Zeitalter ist es zudem schwieriger denn je, fokussiert zu bleiben. Niemals zuvor mussten wir mit so vielen verlockenden Ablenkungen umgehen.

Wie Sie Ihren Geist trainieren können

Ihren Geist zu trainieren funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie körperliches Training. Indem Sie sich für eine bestimmte Zeit auf etwas konzentrieren - etwa Ihre Atemzüge zu zählen, Arbeit an einem schwierigen Projekt oder indem Sie ein kompliziertes Buch lesen - stellen Sie Ihre Aufmerksamkeitsfähigkeit auf die Probe.

Wenn dann Ihr Geist zu wandern beginnt, liegt die Herausforderung darin, wieder den Fokus auf die Atemzüge zu richten, auf das Projekt oder das Buch. So trainieren Sie effektiv Ihre Aufmerksamkeitsfähigkeit. Je intensiver Sie trainieren, und sei es nur für kurze Zeitabschnitte, desto stärker werden Sie.

Die Alternative ist Oberflächlichkeit. Vieles von dem, was wir täglich tun, erfordert nur geringe Anstrengung. Es liefert aber auch nur flüchtige Befriedigung.

Für mich ist Schreiben ein Weg, mich für mehrere Stunden in der Woche mit Absicht einem unbehaglichen Gefühl auszusetzen. Schmerz genieße ich nicht mehr als jeder andere. Um meinem inneren Widerstand beizukommen, schreibe ich in einer vorher festgelegten Zeit. Nämlich für 90 Minuten am Stück, bevor ich eine Pause mache. An einem Text zu arbeiten zwingt mich dazu, über ein Problem intensiv und gründlich nachzudenken, das mich interessiert. Es zwingt mich auch, Sätze zu schreiben, die klar, schnörkellos und knackig sind, und genau das auszudrücken, was ich sagen will.

Intensiv über etwas nachzudenken, kann frustrierend und unangenehm sein - das gilt besonders zu Anfang des Prozesses. Ich fühle mich oft versucht, von meinem Schreibtisch aufzustehen, etwas zu essen, meine E-Mails zu checken oder irgendetwas anderes zu tun, was mich vom Schreiben abhält.

Gelegentlich kann ich nicht widerstehen. Ich habe aber gelernt, diesen Versuchungen meistens zu widerstehen. Was mir hilft ist das Wissen: Bei der Stange zu bleiben führt letztlich dazu, dass ich mich vitaler und produktiver fühlen und zufriedener mit mir sein werde, als wenn ich zwischen den trivialeren Aufgaben des Tages hin- und herspringe.

Eine herausfordernde Aufgabe abzuschließen, ein anstrengendes Training oder die Lektüre eines intellektuell fordernden Buches erlaubt uns, die Zeit danach umso mehr zu schätzen und zu genießen - Freizeit nicht als Vergeudung von Zeit, sondern als völlig verdiente Gelegenheit, sich zu erholen.

Die meisten von uns versuchen instinktiv, Belastungen zu vermeiden. Genauso so schwer ist es aber, freie Zeit und Erneuerung wertzuschätzen. Stattdessen leben wir in einer Grauzone: Nie völlig engagiert, selten völlig entspannt.

Überlegen Sie einmal, was Sie tun könnten, um regelmäßig Ihre Komfortzone zu verlassen - und danach bewusst auszuruhen. Die Amplitude Ihres Lebens zu vergrößern - von intensiver Anstrengung zu tiefer Entspannung - ist der sicherste Weg zu einem bewußterem Leben.

Wie gehen Sie mit Stress um? Und wie entspannen Sie sich am besten? Diskutieren Sie mit!

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