Von Anne Kreamer
Männer müssen sich im Job allmählich an die Wand gedrückt fühlen. Denn gerade finden zwei Umwälzungen statt, die unser Verständnis des Arbeitslebens ein für alle Mal verändern werden.
Einerseits haben Neurowissenschaftler dank neuer Verfahren festgestellt, dass das männliche Gehirn anders funktioniert als das weibliche (Wer hätte es gedacht?). Die überraschende Erkenntnis: In bestimmten beruflichen Situationen neigen Männer offenbar eher dazu, emotionaler und irrationaler zu handeln - soviel also zum Mythos der Frau als einzigem fühlendem Lebewesen am Arbeitsplatz. Aktuelle Forschungsergebnisse, wie etwa die des Neurowissenschaftlers John Coates an der Universität Cambridge, deuten darauf hin, dass ein plötzlicher Anstieg des Testosteronspiegels männliche Finanzhändler in einen Euphoriezustand versetzt. Dies lässt sie Risiken unterschätzen, was zum Entstehen der globalen Finanzkrise beigetragen haben mag. Männer produzieren von Natur aus etwa zehnmal soviel Testosteron wie Frauen. Und so werden nun Forderungen laut: Mehr Frauen im Finanzsektor könnten sowohl einzelne Firmen als auch das Gesamtsystem stabilisieren.
Andererseits gewinnen Frauen im 21. Jahrhundert zunehmend an Einfluss und sind beruflich und wirtschaftlich auf dem Vormarsch. Wenn Sie die vergangenen beiden Jahre betrachten, gibt es in den USA mehr weibliche als männliche Arbeitnehmer. Die von Frauen dominierten Berufsfelder in der postindustriellen Gesellschaft - unter anderem der Gesundheits- und der Bildungsbereich - sind gleichzeitig die Branchen mit dem stärksten Wachstum. Frauen stellen mit 57 Prozent die Mehrheit unter den College-Studenten. Noch stärker ist die weibliche Dominanz an den Universitäten: Hier sind 62 Prozent aller Studenten weiblich. Ähnliches gilt für die Absolventen medizinischer und juristischer Hochschulen.
Als Frau, die Ende der siebziger Jahre erwachsen wurde, finde ich diese Entwicklung durchaus positiv. Denn ich habe oft erlebt, dass männliche Dominanz am Arbeitsplatz auf Kosten der Produktivität gehen kann. Familien mit zwei Einkommen sind heutzutage normal. Eine wirtschaftliche Gleichbehandlung der Frau ist eine gute Entwicklung. Dennoch denke ich nicht, dass eine von Frauen dominierte Arbeitswelt die Gesellschaft so verändern würde, dass auf einmal alles perfekt ist. Die größere Chance liegt darin, die Geschlechter-zentrierte Ideologie der Siebziger Jahre endlich hinter uns zu lassen. Wir sollten diskutieren, wie wir die Regeln der Arbeitswelt neu definieren können. Ein solches Umdenken wäre von grundlegender Bedeutung für einen Neustart unserer Wirtschaft.