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zuletzt aktualisiert: 04. März 2010, 09:09 Uhr

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Wie Manager ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden

Von Ulrich Hemel

Für viele Führungskräfte ist es ein sperriger Begriff: die globale Zivilgesellschaft. Doch sie müssen sich mit diesem Phänomen auseinandersetzen, wollen sie die Kluft zwischen Unternehmen und Gesellschaft überwinden. Diskutieren Sie mit!

Wenn wir von Globalisierung sprechen, denken wir zunächst an die weltweiten Ströme von Gütern und Dienstleistungen. Dabei vergessen wir, dass Globalisierung auch andere Facetten hat: etwa den weltweiten Austausch von Ideen und Nachrichten, aber auch die Wanderungen von Immigranten und Emigranten zwischen praktisch allen Ländern der Erde.

Globale Zivilgesellschaft: An ungehinderter Mobilität und Kommunikation, Bildung, Gesundheitsversorgung, Energieeffizienz und Wohlstand haben alle ein Interesse

Globale Zivilgesellschaft: An ungehinderter Mobilität und Kommunikation, Bildung, Gesundheitsversorgung, Energieeffizienz und Wohlstand haben alle ein Interesse

© Corbis

Geht das Manager an? Der eigene Alltag ist schließlich effizient organisiert. Flüge über Landesgrenzen hinweg sind der Normalfall. Globaler Einkauf ist Realität, nicht nur ein Schlagwort. Internationale Teams sind in größeren Unternehmen längst an der Tagesordnung.

Der Nationalstaat spielt dabei kaum eine Rolle - trotz seiner scheinbaren Renaissance in der Wirtschafts- und Finanzkrise. Wir haben unsere Reisepässe und wissen, wo wir wählen dürfen. Für Unternehmen wird der Staat bedeutsam, wenn er Rahmenbedingungen definiert wie Bilanzierungsgesetze. Aber selbst auf diesem Gebiet gibt es internationale Entwicklungen - etwa im Bereich der International Accounting Standards - bei denen die Staaten nicht so sehr Treiber als vielmehr Getriebene zu sein scheinen.

Das fängt bei den Unternehmensstandards an. Welches Unternehmen kann es durchhalten, in drei verschiedenen Ländern nach drei unterschiedlichen Vorgaben zu arbeiten - ob in der Informationstechnik, in der Arbeits- und Produktsicherheit oder in den intern geltenden Umweltnormen. So kaufte beispielsweise ein deutscher Automobilzulieferer einen indischen Bremsenhersteller. Dieser arbeitete noch mit Asbest, völlig in Einklang mit den in Indien geltenden Gesetzen. Schnell stellte sich die Frage, ob das Management den gekauften Betrieb weiter wie bisher arbeiten lassen oder auf eine asbestfreie Produktion umstellen sollte. Der Betriebsleiter in Indien befürchtete, durch den Verzicht auf Asbest weniger Gewinn erzielen zu können. Die europäischen Manager meinten, Asbest sei einfach nicht mehr zeitgemäß und könne in Europa sogar zum Reputationsrisiko werden.

Am Ende setzten sich die neuen Eigentümer durch, was nicht erstaunlich ist. Interessant ist vielmehr: Nicht staatliches Handeln, sondern gesellschaftlicher Einfluss ließ die Manager so entscheiden. Das Beispiel zeigt aber auch, welche Spannungen es in der weltweiten Zivilgesellschaft gibt. Schließlich war das Interesse des indischen Betriebsleiters und der Käufer gerade nicht identisch. Wer allerdings die Augen aufmacht und beobachtet, wie stark etwa der Gedanke ökologischer Nachhaltigkeit in vielen Unternehmen und Gesellschaften außerhalb Europas und der USA geworden ist, kommt vielleicht doch ins Nachdenken.

  Prof. Ulrich Hemel  ist Autor zahlreicher Bücher und Direktor des Instituts für Sozialstrategie in Laichingen-Jena-Berlin
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Prof. Ulrich Hemel ist Autor zahlreicher Bücher und Direktor des Instituts für Sozialstrategie in Laichingen-Jena-Berlin

Der Begriff der globalen Zivilgesellschaft steht dafür, dass wir trotz aller kulturellen Unterschiede heute tatsächlich in einer Weltgesellschaft von Zeitgenossen und Zeitgenossinnen leben. Damit geht es um eine empirische Realität jenseits der Staaten, der Familien, der Sprachen und der einzelnen Firmen. Die weltweite Mobilität und Kommunikation, die Verbreitung von Medien und Nachrichten rund um den Globus fördern eine solche Sichtweise. Und die sozialen Gemeinschaften im Internet wie Facebook und Twitter sind ein gutes Beispiel, was sich hier ganz neu bildet.

Aktuell stellt sich angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise dringender denn je die Frage: Hat der Staat den Vorrang über die Wirtschaft oder umgekehrt. Die Perspektive der globalen Zivilgesellschaft einzunehmen, hilft uns, diese Frage sinnvoll einzuordnen und neu zu betrachten. Gesellschaftliche Kräfte und Werte wirken auf die Ordnung des Staates und die Gesetzgebung ein. Der Staat wiederum kann keine Spielregeln durchsetzen, welche die Gesellschaft nicht akzeptiert. Die Wirtschaft tut ihrerseits gut daran, sich um ihre eigene gesellschaftliche Akzeptanz zu kümmern, damit die Kluft zwischen Unternehmen und Gesellschaft nicht zu groß wird. Am Ende geht es also um eine dynamische Kräftebalance zwischen Gesellschaft, Staat und Wirtschaft, nicht um Fragen einer einseitigen Dominanz.

Egal, ob Klimawandel oder weltweiter Handel: Heute hat die globale Zivilgesellschaft gemeinsame Interessen, etwa wenn es um ungehinderte Mobilität und Kommunikation geht, um Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, um Energieeffizienz und Wohlstand.

Dennoch müssen wir nicht alle Menschen über einen Kamm scheren. Wer freilich beobachtet, wie selbst in Indien und Afrika der Telekommunikations- und insbesondere der Mobilfunkmarkt boomt, muss umdenken. Die Erwartungen an den persönlichen Lebensstandard mögen sich realistischerweise unterscheiden, aber praktisch überall existiert ein elementares Interesse nicht nur an sauberem Wasser, Essen und Wohnen, sondern - bis auf wenige Ausnahmen - auch an den Errungenschaften der modernen Technik. Das mag in Vietnam das Moped und in Deutschland der schadstoffreduzierte Zweitwagen sein, aber die grundlegenden Interessen ähneln sich.

Die Mitwirkung an der globalen Zivilgesellschaft ermöglicht es Managern, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen
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Die Mitwirkung an der globalen Zivilgesellschaft ermöglicht es Managern, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen

© Corbis
Bei der Ausbildung sozialer und wirtschaftlicher Interessen spielen die Staaten eine geringere Rolle als Familien, Schulen und eben auch Unternehmen. Manager müssen diese Rolle als Akteure der globalen Zivilgesellschaft annehmen. Dann werden Unternehmen auch als Teil dieser Gesellschaft wahrgenommen und nicht als deren Gegner. Wer sich aktiv in die globale Zivilgesellschaft einbringt, wirtschaftliche und im besten Sinn humanistische Motive miteinander verbindet, dem wird niemand nur plumpes Profitinteresse unterstellen.

Das Thema der globalen Zivilgesellschaft ist bereits in vielen Unternehmen und bei ihren Führungskräften angekommen. Internationale Programme aus den Bereichen Handel (WTO), Politik (Klimagipfel in Kopenhagen) und Militär (Irak, Afghanistan) berühren sie unmittelbar. Ganz handfest zeigt sich das bei der Frage, wie eine übergreifende Unternehmenskultur über verschiedene Länder hinweg aussehen kann. Das kann etwa bedeuten, eigene, strenge Regeln beim Thema Korruption zu schaffen.

Viele Menschen lassen sich unabhängig von ihrer Herkunft für diese Themen begeistern und motivieren. Wenn wir diesen Schwung nutzen, um Mindeststandards für die globale Zivilgesellschaft zu definieren, kommen wir weiter. In vielen Bereichen - wie Ernährung, Gesundheit, Bildung und Sicherheit - gibt es über die Definition internationaler Normen schon heute den Versuch, sich auf technische und soziale Mindestvorgaben zu einigen.

Unternehmen wirken daran mit. Sie sind Teil der globalen Zivilgesellschaft und können dazu beitragen, menschenwürdiges Leben auf der gesamten Erde zu ermöglichen. In diesem Sinne sind Initiativen zur sozialen Verantwortung (Social Corporate Responsibility) kein schmückendes Beiwerk, sondern ein Zeichen dafür, aktives Mitglied der Zivilgesellschaft zu sein (was ja mit dem englischen Begriff Citizenship gemeint ist). Ist dieses Engagement echt und überzeugend, haben Manager gute Gründe, sich gegen einseitige Verdächtigungen zu wehren, sie stünden im Gegensatz zur globalen Zivilgesellschaft.

Die vielen neuen Formen sozialen Unternehmertums zielen darauf, unternehmerisches Know-how und gesellschaftliches Interesse am Mitmenschen (der irgendwann auch Kunde sein kann) zu verbinden. Eines der bekanntesten Beispiele ist Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus mit der Grameen-Bank für Mikrokredite, der den Ärmsten Zugang zu günstigen Darlehen ermöglicht. Bei diesen Organisationen ist das soziale Anliegen wichtiger, als die Absicht, Gewinn zu machen - aber die Grenzen zerfließen immer stärker, und zwar von beiden Seiten.

Die Mitwirkung an der globalen Zivilgesellschaft ermöglicht es Managern, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und die eigenen Fähigkeiten in ungewöhnlichen Situationen einzubringen. Ein Beispiel dafür sind die vielfältigen Formen der Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft, die es auch in Deutschland gibt - ganz im Gegensatz zur echten oder unterstellten Wirtschaftsfeindlichkeit der öffentlichen Schule in den 70er Jahren.

Es geht nicht um feindliche Übernahmen oder imperialistische Übergriffe in andere Lebensbereiche, sondern eher um neue Formen der Begegnung zwischen unterschiedlichen Welten, die aber letzten Endes aufeinander angewiesen sind: Wohlstand hat ja nicht nur etwas mit monetären Größen, sondern auch mit geteiltem Wissen und gemeinsamen Erfahrungen zu tun.

Manager haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, im eigenen Unternehmen nachzufragen, was genau der Beitrag der eigenen Organisation zum Wohlstand aller Interessensgruppen und zur Entwicklung der globalen Zivilgesellschaft sein kann und morgen sein wird!


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