Von Ulrich Hemel
2. Teil: Wirtschaftliche und humanistische Motive miteinander verbinden
Dennoch müssen wir nicht alle Menschen über einen Kamm scheren. Wer freilich beobachtet, wie selbst in Indien und Afrika der Telekommunikations- und insbesondere der Mobilfunkmarkt boomt, muss umdenken. Die Erwartungen an den persönlichen Lebensstandard mögen sich realistischerweise unterscheiden, aber praktisch überall existiert ein elementares Interesse nicht nur an sauberem Wasser, Essen und Wohnen, sondern - bis auf wenige Ausnahmen - auch an den Errungenschaften der modernen Technik. Das mag in Vietnam das Moped und in Deutschland der schadstoffreduzierte Zweitwagen sein, aber die grundlegenden Interessen ähneln sich.
Bei der Ausbildung sozialer und wirtschaftlicher Interessen spielen die Staaten eine geringere Rolle als Familien, Schulen und eben auch Unternehmen. Manager müssen diese Rolle als Akteure der globalen Zivilgesellschaft annehmen. Dann werden Unternehmen auch als Teil dieser Gesellschaft wahrgenommen und nicht als deren Gegner. Wer sich aktiv in die globale Zivilgesellschaft einbringt, wirtschaftliche und im besten Sinn humanistische Motive miteinander verbindet, dem wird niemand nur plumpes Profitinteresse unterstellen.
Das Thema der globalen Zivilgesellschaft ist bereits in vielen Unternehmen und bei ihren Führungskräften angekommen. Internationale Programme aus den Bereichen Handel (WTO), Politik (Klimagipfel in Kopenhagen) und Militär (Irak, Afghanistan) berühren sie unmittelbar. Ganz handfest zeigt sich das bei der Frage, wie eine übergreifende Unternehmenskultur über verschiedene Länder hinweg aussehen kann. Das kann etwa bedeuten, eigene, strenge Regeln beim Thema Korruption zu schaffen.
Viele Menschen lassen sich unabhängig von ihrer Herkunft für diese Themen begeistern und motivieren. Wenn wir diesen Schwung nutzen, um Mindeststandards für die globale Zivilgesellschaft zu definieren, kommen wir weiter. In vielen Bereichen - wie Ernährung, Gesundheit, Bildung und Sicherheit - gibt es über die Definition internationaler Normen schon heute den Versuch, sich auf technische und soziale Mindestvorgaben zu einigen.
Unternehmen wirken daran mit. Sie sind Teil der globalen Zivilgesellschaft und können dazu beitragen, menschenwürdiges Leben auf der gesamten Erde zu ermöglichen. In diesem Sinne sind Initiativen zur sozialen Verantwortung (Social Corporate Responsibility) kein schmückendes Beiwerk, sondern ein Zeichen dafür, aktives Mitglied der Zivilgesellschaft zu sein (was ja mit dem englischen Begriff Citizenship gemeint ist). Ist dieses Engagement echt und überzeugend, haben Manager gute Gründe, sich gegen einseitige Verdächtigungen zu wehren, sie stünden im Gegensatz zur globalen Zivilgesellschaft.
Die Mitwirkung an der globalen Zivilgesellschaft ermöglicht es Managern, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und die eigenen Fähigkeiten in ungewöhnlichen Situationen einzubringen. Ein Beispiel dafür sind die vielfältigen Formen der Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft, die es auch in Deutschland gibt - ganz im Gegensatz zur echten oder unterstellten Wirtschaftsfeindlichkeit der öffentlichen Schule in den 70er Jahren.
Es geht nicht um feindliche Übernahmen oder imperialistische Übergriffe in andere Lebensbereiche, sondern eher um neue Formen der Begegnung zwischen unterschiedlichen Welten, die aber letzten Endes aufeinander angewiesen sind: Wohlstand hat ja nicht nur etwas mit monetären Größen, sondern auch mit geteiltem Wissen und gemeinsamen Erfahrungen zu tun.
Manager haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, im eigenen Unternehmen nachzufragen, was genau der Beitrag der eigenen Organisation zum Wohlstand aller Interessensgruppen und zur Entwicklung der globalen Zivilgesellschaft sein kann und morgen sein wird!
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