Transparenz als Geschäft

OPEN DATA I:

HBM April 2013

Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­de im Wei­ßen Haus ein Wirt­schafts­gip­fel zum The­ma Da­ten­trans­pa­renz ab­ge­hal­ten. Im Vor­feld schick­ten wir (die bei­den Au­to­ren die­ses Bei­trags) den 300 re­gis­trier­ten Teil­neh­mern aus mehr als 60 US-Bun­des­be­hör­den ein In­for­ma­ti­ons­pa­ket zu: Dar­in be­fand sich - ne­ben den ge­wöhn­li­chen In­for­ma­tio­nen über den Ab­lauf der Ver­an­stal­tung - auch ein Schrei­ben, das sich mit der Ver­kö­s­ti­gung wäh­rend des Tref­fens be­schäf­tig­te. Kon­kret hieß es dort, je­der Teil­neh­mer wür­de ein „ge­sun­des Mit­tages­sen“ be­kom­men - es sei denn, er ent­schei­de sich im Vor­feld ex­pli­zit da­ge­gen. Un­ter ge­sund, hieß es zehn Zei­len wei­ter un­ten, ver­ste­he man etwa ein Sand­wich aus glu­ten­frei­em So­ja­b­rot mit Boh­nen­spros­sen und So­ja­kä­se. Einen Ab­satz spä­ter wur­de dar­über hin­aus noch all je­nen eine Be­loh­nung ver­spro­chen, die den Ver­an­stal­tern noch vor Be­ginn der Ta­gung eine E-Mail mit der Be­treff­zei­le „Full Disclos­ure“ sen­den wür­den - was über­setzt so viel wie „voll­stän­di­ge Of­fen­le­gung“ be­deu­tet, ein Be­griff aus der IT-Si­cher­heit.
Nur 20 Pro­zent der Teil­neh­mer wähl­ten die we­nig ver­lo­ckend klin­gen­de ge­sun­de Es­sen­s­op­ti­on ab. Da­mit war ihr An­teil im­mer­hin noch grö­ßer als der der­je­ni­gen, die sich durch den Ver­sand der E-Mail eine Be­loh­nung si­chern woll­ten: ein ma­ge­res Pro­zent al­ler An­ge­schrie­be­nen. Als je­doch am Tag der Ver­an­stal­tung ver­kün­det wur­de, dass die meis­ten Teil­neh­mer sich im Vor­feld durch ihr Nicht­mel­den für das So­ja­kä­se-Sand­wich ent­schie­den hat­ten, ging ein lau­tes Stöh­nen durch den Raum, das erst dann wie­der ver­sieg­te, als der Ver­an­stal­ter er­klär­te, man habe sich nur einen Spaß er­laubt (und an­schlie­ßend passa­ble Trut­hahn- und Thun­fisch-Sand­wi­ches ser­vier­te).
Das klei­ne Ex­pe­ri­ment je­den­falls be­stä­tig­te un­se­re An­nah­me: Das Be­reit­stel­len von In­for­ma­tio­nen al­lein führt nicht zu ra­tio­na­le­ren Ent­schei­dun­gen. Un­ter den Gip­fel­be­su­chern wa­ren hoch qua­li­fi­zier­te Po­li­ti­k­ex­per­ten und Re­gie­rungs­be­am­te: Ih­nen al­len wa­ren re­le­van­te In­for­ma­tio­nen ent­gan­gen, die ihr Le­ben an­ge­neh­mer ge­macht hät­ten. Die Tat­sa­che, dass sie sich mehr oder we­ni­ger un­be­ab­sich­tigt für den So­ja­kä­se und ge­gen eine leicht ver­dien­te Be­loh­nung ent­schie­den hat­ten, hat­te üb­ri­gens nichts da­mit zu tun, dass es sich bei den Ta­gungs­gäs­ten um be­son­ders sorg­lo­se, we­nig in­tel­li­gen­te oder gar selbst­zer­stö­re­ri­sche Cha­rak­tere han­del­te. Nein, sie ver­hiel­ten sich ein­fach nur mensch­lich.
Im Fal­le des So­ja­kä­se-Sand­wi­ches war das Igno­rie­ren wich­ti­ger In­for­ma­tio­nen für die Teil­neh­mer fol­gen­los. Doch vie­le Bür­ger und Ver­brau­cher in In­dus­trie­na­tio­nen ver­hal­ten sich tag­täg­lich wie die Ta­gungs­gäs­te - al­ler­dings mit wei­ter rei­chen­den Fol­gen, da sie In­for­ma­tio­nen igno­rie­ren, die ihr Le­ben maß­geb­lich be­ein­flus­sen kön­nen. Nicht im­mer liegt die Schuld bei den Bür­gern: US-ame­ri­ka­ni­sche Be­hör­den schei­nen etwa ge­ra­de­zu ver­ses­sen dar­auf zu sein, wich­ti­ge In­for­ma­tio­nen im Klein­ge­druck­ten zu ver­ste­cken. Wer auch im­mer da­für ver­ant­wort­lich ist: Fakt ist, dass wir alle tag­täg­lich mit In­for­ma­tio­nen kon­fron­tiert sind, die für uns zwar höchst be­deut­sam, aber zu­gleich nur schwer zu hand­ha­ben oder zu ver­ste­hen sind. Auch wie­der­hol­te Be­mü­hun­gen um bes­se­re Auf­be­rei­tung und mehr Trans­pa­renz, etwa durch die ge­setz­li­che Vor­ga­be, ein­fa­che­re For­mu­lie­run­gen zu ver­wen­den, ha­ben dar­an we­nig ge­än­dert. Und das, ob­wohl es auf­sei­ten der­je­ni­gen, die sol­che Än­de­run­gen durch­set­zen, nicht an gu­tem Wil­len man­gelt: Es ist sch­licht­weg eine große Kunst, kom­ple­xe Sach­ver­hal­te ein­fach und nach­voll­zieh­bar auf­zu­be­rei­ten. Ma­chen Sie den Ver­such: Die meis­ten Men­schen schei­tern schon dar­an, ver­ständ­lich zu be­schrei­ben, wie man sei­ne Schu­he zu­bin­det.
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