Die Defizite Europas

KOMMENTAR:

HBM August 2012

Mit dem in­ter­na­tio­na­len Best­sel­ler „Die ame­ri­ka­ni­sche Her­aus­for­de­rung“ lan­de­te Jean-Jac­ques Ser­van-Schrei­ber 1967 einen Voll­tref­fer. Eu­ro­pa kämp­fe in ei­nem heim­li­chen Wirt­schafts­krieg mit den USA um die öko­no­mi­sche Vor­macht­stel­lung, schrieb Ser­van-Schrei­ber, Grün­der des fran­zö­si­schen Nach­rich­ten­ma­ga­zins „L'Express“, da­mals. Da­bei sei­en die Eu­ro­pä­er den Ame­ri­ka­nern vor al­lem in drei Be­rei­chen hoff­nungs­los un­ter­le­gen: Wis­sen­schaft, Tech­nik und Ma­na­ge­ment. Die USA hät­ten mit ih­ren mul­ti­na­tio­na­len Kon­zer­nen und mo­der­nen Ma­na­ge­ment­kon­zep­ten be­reits einen Brücken­kopf auf dem eu­ro­päi­schen Kon­ti­nent ge­bil­det. Woll­ten die Eu­ro­pä­er nicht zu ei­nem un­be­deu­ten­den An­häng­sel der US-Wirt­schaft wer­den, müss­ten sie bin­nen we­ni­ger Jah­re einen ge­wal­ti­gen Satz nach vorn ma­chen, for­der­te Ser­van-Schrei­ber.
Und tat­säch­lich: In den fol­gen­den zehn Jah­ren ver­zeich­ne­te die eu­ro­päi­sche Ma­na­ge­ment­kul­tur be­acht­li­che Fort­schrit­te. Dar­an hat­te Ser­van-Schrei­ber si­cher sei­nen An­teil. Die Re­gie­run­gen för­der­ten stär­ker die Grün­dung erst­klas­si­ger Busi­ness Schools; ein Vor­bild war die be­reits in den 50er Jah­ren ent­stan­de­ne fran­zö­si­sche Wirt­schafts­hoch­schu­le In­sead. Eu­ro­pa ging in sei­nen Kon­zer­nen kon­se­quen­ter ge­gen Vet­tern­wirt­schaft und Di­let­tan­ten­tum vor. Heu­te kann der Kon­ti­nent auf ei­ni­ge der am bes­ten ge­führ­ten Un­ter­neh­men welt­weit und ei­ni­ge der füh­ren­den Busi­ness Schools stolz sein. In ei­nem Punkt sind die eu­ro­päi­schen Ma­na­ge­ment­schmie­den ih­ren ame­ri­ka­ni­schen Wett­be­wer­bern so­gar haus­hoch über­le­gen: Sie sind deut­lich glo­ba­ler. 2008 wa­ren in den 55 füh­ren­den MBA-Pro­gram­men Eu­ro­pas 85 Pro­zent der Stu­die­ren­den und 46 Pro­zent der Pro­fes­so­ren „in­ter­na­tio­nal“. Die Ver­gleichs­wer­te auf ame­ri­ka­ni­scher Sei­te sind 34 be­zie­hungs­wei­se 26 Pro­zent.
Und den­noch ist schlech­tes Ma­na­ge­ment noch im­mer eine große Ge­fahr für Eu­ro­pa. Der Wett­kampf um die öko­no­mi­sche Vor­macht­stel­lung ist heu­te wohl noch in­ten­si­ver als in den 60er Jah­ren: Pro­fi­tier­te der Wes­ten da­mals von Ba­by­boom und stei­gen­der Pro­duk­ti­vi­tät, muss er heu­te mit Über­al­te­rung und ei­nem sta­gnie­ren­den Le­bens­stan­dard zu­recht­kom­men. Au­ßer­dem fin­det der Kampf heu­te auf glo­ba­ler Ebe­ne statt. Die Kon­kur­renz für den Kon­ti­nent kann eben­so gut aus Pe­king oder Ban­ga­lo­re kom­men wie aus Bo­ston oder Bir­ming­ham. Eu­ro­pa hat zwar Ser­van-Schrei­bers Rat be­folgt und ist mitt­ler­wei­le ver­siert dar­in, große Un­ter­neh­men zu ma­na­gen. Aber das ist heu­te etwa so viel wert wie zu Be­ginn der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on die Fä­hig­keit, mit ei­nem We­b­stuhl um­ge­hen zu kön­nen. Der Kon­ti­nent hat noch nicht be­grif­fen, dass der mo­der­ne Ka­pi­ta­lis­mus - an­ders als zu Zei­ten von Karl Marx - da­von ab­hängt, Pro­duk­ti­ons­ver­fah­ren kon­ti­nu­ier­lich zu re­vo­lu­tio­nie­ren. Eu­ro­pa hat es ver­säumt, ei­ni­ge sei­ner größ­ten Stär­ken im Be­reich der in­di­vi­du­el­len Mas­sen­fer­ti­gung und des Mit­tel­stands zu nut­zen und ein le­ben­di­ges Öko­sys­tem für Ma­na­ge­menti­de­en auf­zu­bau­en. Es fehlt an fri­schen Kon­zep­ten, die die po­li­ti­sche Eli­te aus ih­rer Denk­star­re her­aus­rei­ßen und den Kon­ti­nent in die Lage ver­set­zen, nicht nur ge­gen­über den USA zu be­ste­hen, son­dern ge­gen­über der ge­sam­ten Welt.
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