Ist das Bestechung?

FALLSTUDIE:

HBM November 2011

Der Raum war schon gut ge­füllt, als Liu Pei­jin ihn be­trat. Sein Flug von Shang­hai nach Da­li­an war ver­spä­tet ge­we­sen, und er hat­te schon be­fürch­tet, die Schu­lung zu ver­pas­sen. Doch zum Glück hat­te er es noch recht­zei­tig ge­schafft. Liu wuss­te, dass sei­ne An­we­sen­heit wich­tig war. Denn als Pre­si­dent von Al­mond Chi­na woll­te er den Kol­le­gen in Da­li­an zei­gen, wel­che Be­deu­tung er selbst dem The­ma des heu­ti­gen Ta­ges bei­maß: ethi­schen Ge­schäftsprak­ti­ken.
Liu nahm Platz und nick­te dem Per­so­nal­chef zu, der die Schu­lung lei­te­te. Die zwei kann­ten sich schon lan­ge: Bei­de ar­bei­te­ten seit 1999 für Al­mond Che­mi­cal, die deut­sche Mut­ter­ge­sell­schaft, die da­mals ihre Prä­senz in Chi­na auf­bau­te. Mitt­ler­wei­le hat­te Al­mond dort zwei Joint Ven­tu­res mit lo­ka­len Part­nern ge­grün­det - nur über die­sen Um­weg durf­ten aus­län­di­sche Un­ter­neh­men in der chi­ne­si­schen Che­mie­b­ran­che agie­ren. An der einen Ge­sell­schaft hielt Al­mond 70 Pro­zent. Bei der zwei­ten han­del­te es sich um ein Ge­mein­schafts­un­ter­neh­men mit der Da­li­an No. 2 Che­mi­cal Com­pa­ny. Al­mond ge­hör­ten hier nur 51 Pro­zent.
Liu saß ne­ben Wang Zhi­bao, dem für den Ver­trieb zu­stän­di­gen Vice Pre­si­dent des Joint Ven­tu­res in Da­li­an. Wang blick­te skep­tisch drein. Er war gut in sei­nem Job und hat­te meh­re­re ent­schei­den­de Ge­schäf­te ab­ge­schlos­sen, die am An­fang sehr ge­hol­fen hat­ten. Zu­gleich aber bil­de­te er das Zen­trum ei­nes Kon­flikts zwi­schen den Ven­ture-Part­nern: Die Da­li­an-Ma­na­ger be­schwer­ten sich im­mer lau­ter dar­über, wie schwer es sei, nach eu­ro­päi­schen Stan­dards zu ar­bei­ten. Kon­kret ging es um das Ver­bot von Ge­schen­ken und Kom­mis­sio­nen. Der­lei An­rei­ze wa­ren in Chi­na all­ge­mein ak­zep­tiert und wur­den von Al­monds Kon­kur­ren­ten re­gel­mä­ßig ein­ge­setzt. Ohne sie aus­zu­kom­men, so ar­gu­men­tier­te Wang, sei un­ver­nünf­tig. „Wir sind hier in Chi­na, nicht in Eu­ro­pa“, lau­te­te sein Man­tra.
Zwi­schen sol­chen Prak­ti­ken und Ge­set­zes­ver­stö­ßen lag aber nur ein schma­ler Grat. Al­mond hat­te sei­nen Haupt­sitz in Mün­chen, und die Ak­ti­en des Un­ter­neh­mens wa­ren so­wohl an der New Yor­ker als auch an der Frank­fur­ter Bör­se no­tiert. Es muss­te sich des­halb an den For­eign Cor­rupt Prac­ti­ces Act der US-Re­gie­rung hal­ten, der eine Be­ste­chung aus­län­di­scher Re­gie­rungs­ver­tre­ter durch in den USA no­tier­te Un­ter­neh­men ex­pli­zit ver­bie­tet.
Liu be­hielt Wang im Auge, wäh­rend der Per­so­nal­chef die Ethi­kre­geln von Al­mond und die recht­li­chen Fol­gen von Be­ste­chung er­läu­ter­te. Er wuss­te, dass die­se Re­geln die Ar­beit im Ver­trieb er­schwer­ten. Aber die Richt­li­ni­en des Un­ter­neh­mens wa­ren ein­deu­tig, und er woll­te si­cher­stel­len, dass je­des Mit­glied des Ver­trie­bs­teams sie ver­stan­den hat­te.
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