Der Selbstmord

FALLSTUDIE:

HBM Oktober 2011

Schwung­voll trat Ilo­na Nol­te aus der Dreh­tür her­aus in die lich­te Emp­fangs­hal­le der Com­Spar Bank. Ihr Blick fiel auf die große Uhr über dem Emp­fangstre­sen - die Zei­ger stan­den auf Vier­tel nach acht. Der Emp­fangs­chef hat­te eine Nach­richt für sie: „Gu­ten Mor­gen, Frau Nol­te, Herr Trum­mer hat sich für zehn Uhr an­ge­kün­digt!“ „Al­les klar, vie­len Dank“, rief Nol­te und ging in Rich­tung Fahr­stuhl.
Die Fi­li­al­lei­te­rin der Com­Spar-Nie­der­las­sung in Ber­lin-Steg­litz war für einen Mon­tag­mor­gen spät dran. Und das aus­ge­rech­net heu­te, wo ein wich­ti­ges Ge­spräch mit ih­rer Be­leg­schaft an­stand und sie sich noch ein paar Ar­gu­men­te da­für zu­recht­le­gen woll­te. Aber ihre Kin­der hat­ten ein pünkt­li­ches Er­schei­nen bei der Ar­beit durch ihre Strei­tig­kei­ten zu ver­hin­dern ge­wusst.
Ein mor­gend­li­cher Stau und zu vie­le un­er­le­dig­te E-Mails, die via Black­ber­ry ein­tru­del­ten, tru­gen ih­ren Teil zu der Ver­spä­tung bei.
Hät­te sie zu die­sem Zeit­punkt ge­wusst, was der Tag noch an un­an­ge­neh­men Ent­wick­lun­gen für sie pa­rat hielt, hät­te sie über die­se Klei­nig­kei­ten ver­mut­lich ge­schmun­zelt. Sie at­me­te tief durch, als sich die Fahr­stuhl­tür hin­ter ihr schloss. Ein paar Se­kun­den Ruhe. „Was Kai Trum­mer wohl be­spre­chen will?“, frag­te sie sich. Nor­ma­ler­wei­se be­müh­te sich der Per­so­nal­chef der Com­Spar nicht ex­tra von der Zen­tra­le am Pots­da­mer Platz in die Steg­lit­zer Fi­lia­le.
Nol­te ver­ließ den Auf­zug in der obers­ten Eta­ge und steu­er­te ihr Büro an. Worum auch im­mer es ging, sie konn­te de­fi­ni­tiv kei­ne neu­en Pro­ble­me ge­brau­chen. Die 37-Jäh­ri­ge hat­te ge­nü­gend auf der Agen­da. Ein Blick in ih­ren Ter­min­ka­len­der ließ sie er­neut auf­seuf­zen. Da war zum einen ein wich­ti­ger Jour fixe zur Soft­wa­reum­stel­lung für die ge­sam­te Ab­tei­lung, die sich seit Wo­chen hin­zog. Und dann die Kon­fe­renz um 13 Uhr, bei der sie den Kol­le­gen die neu­en, här­te­ren Ziel­vor­ga­ben aus der Zen­tra­le ver­kün­den muss­te.
Eine Auf­ga­be, die Nol­te Bauch­schmer­zen be­rei­te­te. Trotz di­ver­ser Füh­rungs­trai­nings fühl­te sie sich im­mer noch un­wohl, wenn sie schlech­te Nach­rich­ten zu über­brin­gen hat­te. Schließ­lich war sie noch nicht lan­ge im obe­ren Ma­na­ge­ment tä­tig. An­ge­fan­gen hat­te sie bei Com­Spar als Be­ra­te­rin für Pri­vat­kun­den. Erst zwei Jah­re zu­vor war sie Lei­te­rin der Fi­lia­le im Steg­lit­zer Ein­kaufscen­ter mit 21 Mit­ar­bei­tern ge­wor­den. Nur kurz hat­te sie für ihre bei­den Kin­der El­tern­zeit ge­nom­men, zu wich­tig war ihr die Be­stä­ti­gung im Be­rufs­le­ben. Ihr Job hat­te Nol­te im­mer Spaß ge­macht, doch in den zu­rück­lie­gen­den Mo­na­ten hat­ten sich die Rah­men­be­din­gun­gen deut­lich ver­schärft.
Wie alle in der Bran­che hat­te Com­Spar un­ter den Aus­wir­kun­gen der Fi­nanz­kri­se zu lei­den. Die Bank war haupt­säch­lich in Ber­lin ver­tre­ten, sie ver­füg­te über rund 110 Fi­lia­len und 30 Pri­vat­kun­dencen­ter mit ins­ge­samt 3700 Mit­ar­bei­tern. Ei­ni­ge Fi­lia­len und Cen­ter er­gänz­ten im um­lie­gen­den Bran­den­burg das An­ge­bot. Nach den Um­struk­tu­rie­run­gen im Zuge der Fi­nanz­kri­se wur­de bei den Per­so­nal­aus­ga­ben kräf­tig ge­spart, rund 300 Mit­ar­bei­ter muss­ten ge­hen oder wur­den vor­zei­tig in den Ru­he­stand ver­setzt. Nol­te muss­te drei Mit­ar­bei­tern kün­di­gen. Zu al­lem Über­fluss hat­te ihr Stell­ver­tre­ter die Bank vor ein paar Mo­na­ten ver­las­sen. Die Neu­be­set­zung die­ser Stel­le war vor­ge­se­hen, aber noch nicht er­folgt.
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