Die Machtprobe

FÜHRUNG:

HBM Juli 2011

Tho­mas Green zuck­te un­will­kür­lich zu­sam­men, als er die E-Mail sei­nes neu­en Vor­ge­setz­ten Frank Da­vis ein zwei­tes Mal las: „Tom, die Kun­den­mee­tings in die­ser Wo­che sind gut ver­lau­fen, aber sie wä­ren bes­ser ver­lau­fen, wenn Sie die Markt­da­ten voll­stän­dig be­herrscht hät­ten“, hat­te der Mar­ke­tinglei­ter des Rei­se­dienst­leis­ters D7 Dis­plays ihm ge­schrie­ben. „Wenn Sie so et­was al­lein ma­chen, er­war­te ich von Ih­nen, dass Sie bes­ser vor­be­rei­tet sind. Das ist un­er­läss­lich im Hin­blick auf die neue Ver­ant­wor­tung, die Sie für die Ent­wick­lung von Mar­ke­tingstra­te­gi­en für Ihre Re­gi­on tra­gen.“
Green blick­te von sei­nem mit Pa­pie­ren über­sä­ten Schreib­tisch auf und be­trach­te­te ver­drieß­lich die Aus­sicht, die sich ihm von sei­nem neu­en Büro im 20. Stock ei­nes Ge­bäu­des im Zen­trum von At­lan­ta bot. Ein paar Mo­na­te zu-vor war er im Un­ter­neh­men noch der Su­per­star mit Blitz­kar­rie­re ge­we­sen, be­för­dert, so dach­te er, um in der Fir-ma eine neue Sicht­wei­se des Ge­schäfts mit Selbst­be­die­nungs­au­to­ma­ten zu eta­blie­ren. Er war über die Köp­fe sei­ner Kol­le­gen hin­weg aus der Po­si­ti­on ei­nes Groß­kun­den­be­treu­ers in die ei­nes lei­ten­den Mar­ke­tings­pe­zia­lis­ten ka­ta­pul­tiert wor­den und kas­sier­te nun 50 Pro­zent mehr Ge­halt. Und kaum sechs Wo­chen spä­ter wur­de er - zum wie­der­hol­ten Mal - dar­über be­lehrt, wie man einen Ver­kauf er­folg­reich ab­schließt. Wenn er das Ver­hält­nis zu sei­nem neu­en Chef nicht in den Griff be­kam, konn­te er froh sein, wenn er sein ers­tes Jahr in die­ser Po­si­ti­on über­leb­te.
Ein kur­z­es Klop­fen an der Tür riss ihn aus sei­nem Tag­traum. Frank Da­vis trat ein.
„Ma­chen Sie ge­ra­de Pau­se, Tom?“
„Nein, Frank“, er­wi­der­te Green kühl. „Ich habe ge­ra­de über mein Pro­jekt für bes­se­ren Ser­vice am Au­to­ma­ten nach­ge­dacht. Wenn wir nicht bald neue An­ge­bo­te her­aus­brin­gen kön­nen, wer­den wir nicht im­stan­de sein, in die­sem Ge­schäft wett­be­wer­bs­fä­hig zu blei­ben. Ich weiß, dass Sie kein Fan des Pro­jekts sind, aber ...“
„Ha­ben Sie mei­ne E-Mail ge­le­sen?“
„Ja, das habe ich.“
„Und?“
„Und ja, ich wer­de mich bes­ser vor­be­rei­ten.“
„Gut“, mein­te Da­vis. „Und, Tom, ich will, dass Sie Ihr In­no­va­ti­ons­pro­jekt auf Eis le­gen. Das Mar­ke­tingstra­te­gie-Mee­ting ist nächs­te Wo­che, und Ihr Plan, der ges­tern fäl­lig war, liegt mir im­mer noch nicht vor. Das ist Ihre ein­zi­ge Prio­ri­tät im Mo­ment. Ca­pisce?“
„Ver­stan­den“, sag­te Green müde.

Auf der Über­hol­spur
D7 Dis­plays, 1990 als An­bie­ter von Geld­au­to­ma­ten ge­grün­det, war Markt­füh­rer im Ge­schäft mit Selbst­be­die­nungs­au­to­ma­ten. Mit 1500 Check-in-Sta­tio­nen auf 75 Flug­hä­fen be­herr­sch-te das Un­ter­neh­men 60 Pro­zent des Ge­schäfts mit Flug­ge­sell­schaf­ten und nahm nun Kurs auf Ho­tels und Au­to­ver­mie­tun­gen. Green war vor fast ei­nem Jahr im Al­ter von 28 Jah­ren in die Fir­ma ge­kom­men, und er hat­te so­fort da­für ge­sorgt, dass er be­merkt wur­de. Schon nach we­ni­gen Wo­chen hat­te er einen Ver­trag mit ei­ner füh­ren­den Flug­ge­sell­schaft über die schnel­le Auf­stel­lung von Check-in-Au­to­ma­ten an 20 Flug­hä­fen ab­ge­schlos­sen - in­klu­si­ve Soft­wa­re-Up­gra­de für all ihre Stand­orte. Er hat­te auch Be­zie­hun­gen spie­len las­sen, um sich bei dem Soft­wa­re­ent­wick­lungs­lei­ter sei­nes Be­reichs Ge­hör zu ver­schaf­fen und sei­ne Ide­en für neue Ser­vice­an­ge­bo­te vor­an­zu­brin­gen - ein un­kon­ven­tio­nel­ler Schritt, der ei­ni­ge Ma­na­ger der mitt­le­ren Füh­rungs­ebe­ne ver­är­gert, aber die Auf­merk­sam­keit des Top­ma­na­ge­ments ge­weckt hat­te.
Jetzt kaufen
© Harvard Business Manager
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
Inhalt

Abbildungen und Diagramme

Bilder:
5
Infografiken:
0

Textumfang

Seiten:
9
Zeichen:
29.066
Nachdrucknummer:
201107082
Nachdrucke
Nachdrucke in Medien aller Art
Seitenpreise ab 360 Euro je nach Auflage

Nutzungsrechte im PDF-Format
Ohne Fotos und Illustrationen. Für die Verwendung bei betriebsinternen Fortbildungen, Kundenbroschüren, im Intranet und firmeninternen Pressespiegel: Preisberechnung pro Exemplar beziehungsweise pro Nutzer je nach Auflage.

Sonderdrucke
Möglich ab 500 Exemplaren, Preise auf Anfrage.
Ein Beispiel finden Sie hier.

Nachdrucke von Illustrationen
© Harvard Business Manager: Preise auf Anfrage

Alle Preise verstehen sich zuzüglich Mehrwertsteuer und gegebenenfalls Versandkosten.

Für Artikel mit Copyrightvermerk "Harvard Business School Publishing" gelten besondere urheberrechtliche Bedingungen, die wir Ihnen auf Anfrage gern erläutern.
Hier können Sie nach den Lizenz-Bedingungen fragen.

Alle Themen
ANZEIGE
Nach oben