Der richtige Umgang mit Unvernunft

ENTSCHEIDUNGEN:

HBM Oktober 2009

Ende 2008 hat ein ver­hee­ren­des Erd­be­ben die Fi­nan­z­welt in Schutt und Asche ge­legt. Der ehe­ma­li­ge US-Zen­tral­bank­chef Alan Green­span räum­te vor dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­gress ein, er sei „scho­ckiert“, dass die Märk­te doch nicht so funk­tio­nier­ten, wie er es sein Le­ben lang ge­dacht habe. „Ich habe falsch­ge­le­gen mit der An­nah­me, dass das Ei­gen­in­ter­es­se von Or­ga­ni­sa­tio­nen - ins­be­son-dere der Ban­ken - für den bes­ten Schutz ih­rer Ak­tio­näre sor­gen wür­de“, sag­te der Mann, der einst als größ­ter Ban­ker al­ler Zei­ten ge­fei­ert wor­den war.
Für un­se­ren stu­ren Glau­ben an die Macht der un­sicht­ba­ren Hand zah­len wir jetzt einen schreck­li­chen Preis. Die tra­di­tio­nel­le Volks­wirt­schafts­leh­re geht da­von aus, dass Men­schen stets ver-nünf­tig ent­schei­den und dass sich Märk­te und Un­ter­neh­men in ih­rer Ge­samt­heit selbst re­gu­lie­ren. Doch wenn die­se An­nah­me schon in der hyper­ra­tio­na­len Welt der Wall Street falsch war, wel­chen Scha­den hat sie dann in an­de­ren Un­ter­neh­men und Or­ga­ni­sa­tio­nen an­ge­rich­tet, die eben­falls aus fehl­ba­ren, nicht lo­gisch han­deln­den Men­schen be­ste­hen? Wel­chen Kurs sol­len Kon­zern­ma­na­ger jetzt ein­schla­gen, die zwar in ra­tio­na­lem Den­ken ge­schult sind, aber chao­ti­sche, häu­fig un­be­re­chen­ba­re Un­ter­neh­men füh­ren?
Heu­te wird uns end­lich klar, dass Ir­ra­tio­na­li­tät die wah­re un­sicht­ba­re Hand ist, die mensch­li­che Ent­schei­dun­gen lenkt. Die Kri­se hat uns eine schmerz­li­che Lek­ti­on er­teilt. Das Gute dar­an ist aber, dass Ma­na­ger jetzt viel­leicht er­ken­nen, wie wich­tig es ist, nicht von falschen Vor­aus­set­zun­gen aus­zu­ge­hen. Aus­ge­stat­tet mit dem Wis­sen, dass Men­schen von un­be­wuss­ten Fehl­ein­schät­zun­gen ge­lei­tet wer­den, kön­nen sich Fir­men bes­ser vor Dumm­hei­ten und Ver­schwen­dung schüt­zen.
In die­sem Bei­trag be­trach­te ich ei­ni­ge eta­blier­te wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­che An­nah­men aus dem Blick­win­kel der Ver­hal­tens­öko­no­mik. Sie lie­fert eine völ­lig an­de­re Sicht dar­auf, wie Men­schen und Or­ga­ni­sa­tio­nen funk­tio­nie­ren. An­hand ei­ni­ger Bei­spie­le möch­te ich zei­gen, dass Un­ter­neh­men nicht nur ihre Pro­duk­te und Dienst­leis­tun­gen ef­fek­ti­ver, ihre Kun­den zu­frie­de­ner und ihre Mit­ar­bei­ter pro­duk­ti­ver ma­chen kön­nen, son­dern dass sie auch ka­ta­stro­pha­le Feh­ler ver­mei­den kön­nen.
Der Durch­bruch der Ver­hal­tens­öko­no­mik
Die Ver­hal­tens­öko­no­mik ver­eint Aspek­te der Psy­cho­lo­gie und der Volks­wirt­schafts­leh­re. Sie ba­siert auf der An­nah­me, dass un­be­wuss­te Fehl­ein­schät­zun­gen die Men­schen häu­fig dar­an hin­dern, ver­nünf­tig zu ent­schei­den. (Wenn wir Co­mic­fi­gu­ren wä­ren, gli­chen wir wohl eher Ho­mer Simp­son als Su­per­man.) Die öko­no­mi­schen Stan­dard­grund­sät­ze, die an Busi­ness Schools lan­ge Zeit als Grund­prin­zi­pi­en ver­mit­telt wur­den, ver­zich­ten auf die Ver­hal­tens­öko­no­mik. Im Mit­tel­punkt ste­hen statt­des­sen All­tags­ent­schei­dun­gen. Wie viel darf eine Tas­se Kaf­fee kos­ten? Fürs Al­ter spa­ren oder nicht? Sind Be­trü­ge­rei­en in Ord­nung, und wenn ja, in wel­chem Aus­maß? Ge­sun­de Er­näh­rung? Sa­fer Sex? Die Lis­te lässt sich be­lie­big fort­set­zen. In ei­nem Ex­pe­ri­ment, bei dem Pro­ban­den zwi­schen ei­ner ex­klu­si­ven Lindt-Pra­li­ne für 15 Cent und ei­nem ein­fa­chen Hershey's-Scho­ko­rie­gel für einen Cent wäh­len konn­ten, ent­schie­den sich 73 Pro­zent für die Pra­li­ne. Als wir bei­de Sü­ßig­kei­ten einen Cent bil­li­ger an­bo­ten - die Pra­li­ne für 14 Cent, den Scho­ko­rie­gel um­sonst - ent­schie­den sich nur noch 31 Pro­zent für die Pra­li­ne, ob­wohl sie jetzt bil­li­ger zu ha­ben war. Die Aus­sicht, et­was um­sonst zu be­kom­men, hat of­fen­bar einen der­art star­ken Reiz, dass wir da­für un­ter Um­stän­den so­gar auf ein bes­se­res An­ge­bot ver­zich­ten.
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