Der gekränkte Kronprinz

FALLSTUDIE:

HBM Februar 2009

Her­mann Wie­se­neg­ger, ein leicht er­grau­ter, aber mit sei­nen 70 Jah­ren nach wie vor sport­li­cher und at­trak­ti­ver Mann, schritt im Wohn­zim­mer sei­nes Hau­ses vor dem Sofa auf und ab, auf dem sei­ne Frau es sich be­reits be­quem ge­macht hat­te. „Ich bin wirk­lich sehr be­un­ru­higt“, sag­te er. Sei­ne Frau ver­such­te, sich ein Stück Platz von ih­rer be­tag­ten Irish-Set­ter-Hün­din zu­rück­zu­er­obern, die es sich aus al­ter Ge­wohn­heit mehr auf ih­rer Her­rin als ne­ben ihr auf dem Sofa ge­müt­lich mach­te. „War dein Mee­ting im Ver­lag heu­te so schlimm?“, frag­te sie und schau­te ihn mit­lei­dig an. So kann­te sie ih­ren Mann gar nicht.
Wie­se­neg­ger stand im­mer noch un­schlüs­sig mit­ten im Raum, fuhr sich durchs Haar und blick­te hin­aus in den dunklen Gar­ten. „Das kann man wohl sa­gen. So kann ich un­mög­lich die Lei­tung des Ver­lags ab­ge­ben. Die fres­sen sich ge­gen­sei­tig auf. Und dann wird der La­den in we­ni­gen Jah­ren von ir­gend­ei­nem Groß­ver­lag ge­schluckt.“
Er rück­te sei­ne Bril­le zu­recht, warf sein Sak­ko seuf­zend über die Leh­ne ei­nes Ses­sels und nahm einen großen Schluck aus sei­nem schwe­ren Lieb­lings­glas: „Als ich das Un­ter­neh­men vor 35 Jah­ren ge­grün­det habe, habe ich mir nicht träu­men las­sen, dass ich ir­gend­wann mal an die­sen Punkt ge­lan-ge. Ich weiß, wir wa­ren uns ei­nig, dass ich mich Ende die­ses Jah­res end­lich aus dem Ta­ges­ge­schäft zu­rück­zie­he. Aber so, wie es ge­ra­de aus­sieht, ist das aus­ge­schlos­sen. Wenn ich jetzt gehe, hät­te ich den Ver­lag gar nicht erst auf­bau­en müs­sen.“
So hat­te sie ihn noch nie re­den hö­ren, des­halb ver­stand Wie­se­neg­gers Frau so­fort, dass die Lage sehr ernst war. Weil ihre Ge­sprä­che aber schon im­mer von Hu­mor ge­prägt wa­ren, ver­such­te sie es auch jetzt mit ei­ner scherz­haf­ten Be­mer­kung: „Bist du si­cher, dass du nicht nur einen Grund suchst, um nicht da­heim bei Ella blei­ben zu müs­sen?“ Wie­se­neg­ger kraul­te der Hün­din die Oh­ren.
„Ich weiß nicht, ich muss dar­über nach­den­ken. Viel­leicht be­wer­te ich die Si­tua­ti­on tat­säch­lich et­was zu emo­tio­nal. Lass uns am Wo­chen­en­de noch ein­mal dar­über spre­chen. Jetzt möch­te ich ganz ein­fach die­sen Abend mit dir ge­nie­ßen.“
Wie der Kon­flikt be­gann
An die­sem Tag hat­te wie je­den zwei­ten Frei­tag im Quar­tal die Chef­lek­to­ren­run­de statt­ge­fun­den, und ge­nau sechs Mo­na­te zu­vor war das alte, ru­hi­ge Schiff „Fach­ver­lag Wie­se­neg­ger & Lim­bach“ bei ei­nem sol­chen Frei­tags­tref­fen in jene rau­en Ge­wäs­ser ge­ra­ten, in de­nen es jetzt un­ter­zu­ge­hen droh­te. Fer­di­nand Lim­bach, Her­mann Wie­se­neg­gers Schwa­ger, hat­te ei­ni­ge Zeit zu­vor be­kannt ge­ge­ben, dass er sich aus dem Ver­lag zu­rück­zie­hen wol­le. Er war 68 Jah­re alt und litt nach ei­nem schwe­ren Reit­un­fall schon seit ei­ni­ger Zeit un­ter ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men. Lim­bach hat­te dem Ver­lag knapp 20 Jah­re an­ge­hört und in die­ser Zeit die Me­di­zin­spar­te auf­ge­baut, das zwei­te große Stand­bein ne­ben der rechts­wis­sen­schaft­li­chen Fachli­te­ra­tur.
Vor dem denk­wür­di­gen Mee­ting hat-te Wie­se­neg­ger die­se Neu­ig­keit durch­aus po­si­tiv ge­se­hen, denn Lim­bach hat­te gleich einen vor­züg­li­chen Vor­schlag prä­sen­tiert, wer sein Nach­fol­ger wer­den könn­te: Max Wolfert, ein hoch­in­tel­li­gen­ter Mann An­fang 40, hat­te in Me­di­zin und Bio-In­for­ma­tik pro­mo­viert. Nach­dem er eine Zeit lang als Un­ter­neh­mens­be­ra­ter ge­ar­bei­tet hat­te, war er vor ei­ni­gen Jah­ren zu Me­di­Books ge­gan­gen, ei­nem in­ter­na­tio­na­len Ver­lag, bei dem er er­folg­reich die E-Book-Spar­te auf­ge­baut hat­te. Wie­se­neg­ger hat­te sei­ner Er­nen­nung so­fort zu­ge­stimmt.
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