Die Angst als Blender zu gelten

PSYCHOLOGIE:

HBM Dezember 2005

Vor ein paar Jah­ren such­te mich ein Ma­na­ger ei­nes Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­mens auf, der in eine lei­ten­de Top­ma­na­ge­ment­po­si­ti­on be­för­dert wer­den soll­te. Nen­nen wir ihn To­bin Hol­mes (alle Na­men in den Fall­bei­spie­len die­ses Bei­trags wur­den ge­än­dert). Hol­mes war ein sehr klu­ger jun­ger Eng­län­der, der klas­si­sche Phi­lo­lo­gie in Ox­ford stu­diert und an der in­ter­na­tio­na­len Busi­ness School In­sead zu den bes­ten 5 Pro­zent sei­nes Jahr­gangs ge­hört hat­te. Trotz­dem fürch­te­te er, der Ver­ant­wor­tung in der neu­en Po­si­ti­on nicht ge­wach­sen zu sein.
Ihn quäl­te der Ge­dan­ke, ein­fach nicht gut ge­nug zu sein, wes­halb er in der Angst leb­te, je­den Mo­ment auf­zu­flie­gen. Gleich­zei­tig schi­en er je­doch dar­auf aus zu sein, ge­nau jene Un­zu­läng­lich­keit zu er­ken­nen zu ge­ben, die er so ängst­lich zu ver­ber­gen such­te: Pri­vat leb­te er ein auf­fäl­lig selbst­zer­stö­re­ri­sches Le­ben. So hat­te er in al­ler Öf­fent­lich­keit zahl­rei­che Lie­bes­af­fä­ren und nahm an ei­nem Trink­ge­la­ge teil, das mit ei­nem ver­hee­ren­den Ver­kehrs­un­fall en­de­te. Gleich­zei­tig fiel es ihm zu­neh­mend schwer, sich bei sei­ner Ar­beit zu kon­zen­trie­ren und Ent­schei­dun­gen zu fäl­len. Er fürch­te­te - und jetzt zu Recht -, der Vor­stands­vor­sit­zen­de und an­de­re Mit­glie­der der Ge­schäfts­lei­tung wür­den sei­ne Pro­ble­me be­mer­ken. Wann wür­de ih­nen klar wer­den, dass sie einen schreck­li­chen Feh­ler ge­macht hat­ten, als sie ihn ins Top­ma­na­ge­ment auf­stei­gen lie­ßen?
Als die Angst und der Druck über­mäch­tig wur­den, kün­dig­te Hol­mes sei­ne Stel­le und nahm eine un­ter­ge­ord­ne­te Po­si­ti­on bei ei­nem grö­ße­ren Un­ter­neh­men an. Sei­ne tat­säch­lich vor­han­de­nen Fä­hig­kei­ten blie­ben je­doch auch dort nicht ver­bor­gen. Es dau­er­te nicht lan­ge, bis ihm die Lei­tung ei­nes der be­deu­tends­ten Län­der­be­rei­che des Un­ter­neh­mens an­ge­bo­ten wur­de. Die Po­si­ti­on galt all­ge­mein als Sprung­brett für eine Spit­zen­stel­lung. In sei­ner neu­en Rol­le ka­men Hol­mes' Selbstzwei­fel je­doch wie­der zum Vor­schein. In­ner­halb ei­nes Jah­res ver­ließ er auch die­sen Pos­ten, nur um dem Ri­si­ko zu ent­ge­hen, als in­kom­pe­tent ent­larvt zu wer­den. Er wech­sel­te er­neut in ein an­de­res Un­ter­neh­men. Dort be­fand die Fir­men­lei­tung an­ge­sichts sei­nes Le­bens­laufs, er habe trotz sei­ner Leis­tung ein­fach nicht das Zeug dazu, ins Top­ma­na­ge­ment auf­zu­stei­gen.
Hol­mes konn­te es sich nicht ge­stat­ten, in ei­nem Un­ter­neh­men bis in die höchs­ten Füh­rungs­ebe­nen auf­zu­stei­gen, weil er tief in sei­nem In­ne­ren die Angst heg­te, ein Hoch­stap­ler zu sein, der schließ­lich ent­larvt wer­den wür­de. Es gibt - auch in der Ge­schäfts­welt - vie­le Fäl­le von her­vor­ra­gen­den Leis­tungs­trä­gern, die glau­ben, durch und durch Be­trü­ger zu sein. Für den Be­trach­ter wir­ken die­se Men­schen un­ge­wöhn­lich fä­hig. Häu­fig han­delt es sich bei ih­nen um au­ßer­or­dent­lich er­folg­rei­che Füh­rungs­kräf­te. Trotz ih­rer fan­tas­ti­schen Leis­tun­gen emp­fin­den sie sich als Blen­der. Die­ses Phä­no­men wird im Eng­li­schen als „neu­ro­tic im­po­sture“ be­zeich­net (Anm. d. Red.: Im Deut­schen exis­tiert kein eta­blier­ter Be­griff da­für. Wir be­zeich­nen das Phä­no­men da­her im Fol­gen­den als „Hoch­stap­ler-Neu­ro­se“).
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