Knochenharter Wettbewerb

FALLSTUDIE:

HBM September 2005

Und den­ken Sie dar­an: Sie müs­sen bei je­dem Schlag spü­ren, wie der Ober­schen­kel­na­gel tiefer in den Kno­chen ein­dringt. Ist dies nicht der Fall, hö­ren Sie um Him­mels wil­len so­fort auf. Viel­leicht stößt der Na­gel an die äu­ße­re fes­te Kno­chen­schicht, oder er ist für die Mark­höh­le ein­fach zu groß. Wenn Sie dann trotz­dem wei­ter drauf­hau­en, ver­letz­ten Sie wo­mög­lich die äu­ße­re Kno­chen­schicht." Die be­stimm­te, ru­hi­ge Stim­me des Do­zen­ten er­füll­te den Raum, wäh­rend ein Dut­zend Chir­ur­gen kon­zen­triert mit Ham­mer und Na­gel Lei­chen­kno­chen be­ar­bei­te­te. Der Do­zent hielt kurz inne, um

einen der Ärz­te zu be­ob­ach­ten; dann blick­te er auf: Die Tür hat­te sich ge­öff­net. Im Rah­men stand sein Chef Pe­ter Walsh. Walsh war Vor­stands­vor­sit­zen­der der Me­di­zin­tech­nik­fir­ma Cres­cor­dia. Lei­se und dar­auf be­dacht, nicht zu stö­ren, schob er sich in den Raum. Der Do­zent blick­te auf die Uhr. „Zeit für eine Pau­se. He­ben wir uns einen Teil des Ver­gnü­gens für den Nach­mit­tag auf“, ver­kün­de­te er. „In zehn Mi­nu­ten tref­fen wir uns alle beim Hauptein­gang und ge­hen ge­mein­sam zum Mit­tages­sen.“
Cres­cor­di­as Pro­dukt­pa­let­te reich­te von künst­li­chen Hüft­ge­len­ken bis zu Skal­pel­len. Dar­über hin­aus ent­wi­ckel­te, pro­du­zier­te und ver­trieb das Un­ter­neh­men Plat­ten, Nä­gel und Schrau­ben aus Stahl und Ti­tan. Die­se so ge­nann­ten Os­teo­syn­the­se­ma­te­ria­li­en setz­ten Chir­ur­gen als Fi­xier­hil­fen zur Hei­lung bei Kno­chen­brü­chen ein. Ins­ge­samt gab es auf die­sem Markt nur eine Hand voll grö­ße­rer Wett­be­wer­ber.
Min­des­tens zwei­mal im Mo­nat führ­te Cres­cor­dia Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen für Ärz­te durch, die die Pro­duk­te des Un­ter­neh­mens ver­wen­de­ten. Wann im­mer er konn­te, aß Pe­ter Walsh ge­mein­sam mit den Se­min­ar­teil­neh­mern zu Mit­tag. So kam er mit den Chir­ur­gen ins Ge­spräch und er­fuhr aus ers­ter Hand, wie sie über die Pro­duk­te der Fir­ma dach­ten. Au­ßer­dem moch­te er ihre Ge­sell­schaft. Chir­ur­gen wa­ren zu­meist geist­reich, gleich­zei­tig aber auch sehr bo­den­stän­dig. Mit ih­ren Häm­mern, Sä­gen und Boh­rern wa­ren sie min­des­tens eben­so sehr Zim­mer­leu­te wie Me­di­zi­ner. In ih­rem Ar­beit­sall­tag hat­ten sie oft mit Leu­ten zu tun, die Pech ge­habt hat­ten - viel­leicht hat­ten sie da­her eine ganz spe­zi­el­le Art, die Din­ge zu se­hen: Wenn sie un­ter sich wa­ren, scherz­ten sie gern, und wer auch ein­mal schwar­zen Hu­mor ver­trug, hat­te in ih­rer Ge­sell­schaft viel zu la­chen.
Der war­me Som­mer­tag bot eine will­kom­me­ne Ab­wechs­lung zum kli­ma­ti­sier­ten La­bor mit sei­nem For­mal­de­hyd­ge­ruch.

Wäh­rend sie über den ge­pflas­ter­ten Weg zur Ca­fe­te­ria gin­gen, schil­der­te ei­ner der Chir­ur­gen einen schwie­ri­gen Fall, mit dem er es ge­ra­de zu tun ge­habt hat­te. „Also pas­sen Sie auf: Der Mann, um den es geht, ist Di­ri­gent ei­nes Sym­pho­nie­or­che­s­ters. Er ist folg­lich auf sein Hand­ge­lenk ex­trem an­ge­wie­sen.“ Mit der Rech­ten schwang der Chir­urg einen ima­gi­nären Takt­stock. „Was muss sich der arme Hund bei sei­nen ers­ten Ver­su­chen auf Rol­lerb­la­des bre­chen?“ Walsh seufz­te mit­lei­dig. „Das­sel­be Ge­lenk hat er sich vor fünf Jah­ren schon mal ge­bro­chen“, fuhr der Chir­urg fort. „Er war von sei­nem Pult ge­stürzt. Da­mals wur­de es mit ei­ner dis­ta­len Ra­di­us­plat­te fi­xiert.“ Die an­de­ren be­kun­de­ten ihr Mit­ge­fühl mit dem Kol­le­gen. Erst al­tes Ma­te­ri­al ent­fer­nen zu müs­sen, be­vor sie neue Plat­ten ein­set­zen konn­ten - das moch­te kei­ner.
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