Die Spur der Kunden

FALLSTUDIE:

HBM März 2005

Als er aus der Tief­ga­ra­ge trat, sah er die De­mons­tran­ten. Es wa­ren etwa zwei Dut­zend. Sie stan­den auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te vor dem Ein­gang des Mes­se­zen­trums und be­dräng­ten die Kon­fe­renz­be­su­cher, die in die Hal­le eil­ten. Es war früh am Frei­tag­mor­gen, und fast alle hiel­ten Be­cher mit damp­fen­dem Kaf­fee in der Hand. Vom Kof­fe­in und von ih­rer Wut glei­cher­ma­ßen be­feu­ert, brüll­ten sie in Me­ga­fo­ne und schwenk­ten Trans­pa­ren­te. Dar­auf stan­den Pa­ro­len wie „Raus aus mei­ner Fre­quenz!“ oder „Küm­mert euch um eu­ren ei­ge­nen Kram!“. Als zwei Frau­en im dun­kel­grau­en Ko­stüm aus der Tür ka­men, lös­te sich ein De­mons­trant aus der Men­ge und ver­such­te, ih­nen Flug­blät­ter in die Hand zu drücken. Ein Po­li­zei­be­am­ter be­fahl den Leu­ten, hin­ter der Ab­sper­rung zu blei­ben, doch sei­ne Wor­te gin­gen im Ver­kehrs- und Pro­test­lärm un­ter.
Dan­te So­rel­la schüt­tel­te den Kopf. „Wie in al­ler Welt konn­te es nur so weit kom­men?“, dach­te er, wäh­rend die Am­pel auf Grün schal­te­te.
Als CEO ei­nes Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­mens hat­te So­rel­la schon vie­le Kon­tro­ver­sen über Da­ten­schutz­fra­gen mit­er­lebt. Doch eine der­art

hef­ti­ge, öf­fent­lich zur Schau ge­tra­ge­ne Feind­se­lig­keit war re­la­tiv neu. So­rel­las Un­ter­neh­men Ray­dar Elec­tro­nics mit Sitz in Man­hat­tan ge­hör­te in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu den fünf füh­ren­den Fir­men für die Her­stel­lung und An­wen­dung so ge­nann­ter Ra­dio­fre­quenz-Iden­ti­fi­ka­ti­ons-(RFID)-Chips und der ent­spre­chen­den Le­se­ge­rä­te. Das Un­ter­neh­men ent­wi­ckel­te und ver­kauf­te Sys­te­me zur Kenn­zeich­nung von La­ger­be­stän­den. Zu den Kun­den zähl­ten in ers­ter Li­nie Her­stel­ler und Ein­zel­händ­ler, die ihre Lie­fer­ket­ten mit Hil­fe der Funk­chips op­ti­mier­ten. Ob­wohl Ray­dar eine Art RFID-Pio­nier war, hat­ten sich selbst glü­hen­de Bür­ger­rechts­ak­ti­vis­ten bis­her nie für das Un­ter­neh­men in­ter­es­siert.
Doch nun wur­den Fir­men wie Ray­dar zum Feind er­klärt - und das kei­nes­wegs nur von no­to­ri­schen Tech­nik­geg­nern, son­dern auch von Po­li­ti­kern, Ver­brau­cher­schüt­zern, re­li­gi­ö­sen Füh­rern und so­gar von Ma­na­gern an­de­rer Un­ter­neh­men. Die Öf­fent­lich­keit war durch den nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 er­las­se­nen „Pa­tri­ot Act“, der die Rech­te von Po­li­zei und Jus­tiz er­wei­tert, und durch Me­dien­be­rich­te über den Um­gang mit Da­ten in Kon­zer­nen wie Jet­Blue, Al­berts­ons und Gil­let­te elek­tri­siert und rea­gier­te emp­find­lich, wenn es um die Er­fas­sung per­so­nen­be­zo­ge­ner In­for­ma­tio­nen ging.
So­rel­la ver­stand das durch­aus: Schließ­lich mach­ten Tech­no­lo­gi­en wie RFID das Le­ben je­des Ein­zel­nen im­mer durch­schau­ba­rer. Ver­gan­ge­nen Mo­nat erst hat­te er sei­nen Söh­nen die Le­vi­ten ge­le­sen, weil sie per­sön­li­che An­ga­ben wie den Na­men ih­rer Schu­le und das Fa­mi­li­enein­kom­men in In­ter­net­sei­ten ein­ge­ge­ben hat­ten.
Man muss­te al­ler­dings auch die Vor­tei­le der neu­en Tech­nik se­hen. Ray­dars Kun­den lit­ten bei­spiels­wei­se selbst bei stark nach­ge­frag­ten Wa­ren fast nie un­ter Eng­päs­sen beim Nach­schub. Und schließ­lich mach­ten Kun­den­kar­ten oder der elek­tro­ni­sche Mau­tein­zug, di­gi­ta­le Vi­deo­re­cor­der oder On­li­ne-Über­wei­sun­gen das Le­ben leich­ter und be­que­mer. Auf der „Li­ve­Wi­re­less“-Kon­fe­renz, die von dem Be­ra­tungs­un­ter­neh­men Cy­brum aus dem Si­li­con Val­ley ver­an­stal­tet wur­de, wür­de er vor­aus­sicht­lich neue Pro­duk­te zu se­hen be­kom­men, die wei­te­re An­nehm­lich­kei­ten mög­lich mach­ten. Sein Vor­trag war für den Mor­gen an­ge­setzt. Da­nach woll­te er den Tag in der Aus­stel­lungs­hal­le ver­brin­gen, An­re­gun­gen sam­meln und nach po­ten­zi­el­len Part­nern so­wie ernst zu neh­men­den Wett­be­wer­bern Aus­schau hal­ten.
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