Das gebrochene Versprechen

FALLSTUDIE:

HBM April 2004

Als er aus dem Zü­ri­cher Flug­ha­fen­ge­bäu­de ins Freie trat, emp­fing Ed Da­vid­son klir­rend kal­te Ja­nu­ar­luft und strah­len­der Son­nen­schein. Ge­blen­det kniff er die Au­gen zu­sam­men. Sie be­gan­nen im hel­len Ta­ges­licht zu trä­nen nach Stun­den dämm­ri­ger Enge im Flug­zeug, ein­ge­zwängt zwi­schen Ana­lys­ten­be­rich­ten, ei­nem mit Un­ter­la­gen über­häuf­ten Klapp­tisch und sei­nem Lap­top. Er schritt zu der war­ten­den Li­mou­si­ne, de­ren Fah­rer ihm be­reits die Tür auf­hielt. Da­vid­son sank in die wei­chen Pols­ter des Rück­sit­zes und leg­te sei­nen Ak­ten­kof­fer zur Sei­te. Die Aus­sicht auf sechs Tage Al­pen ließ das Herz des pas­sio­nier­ten Ski­fah­rers hö­her schla­gen: Er war auf dem Weg nach Da­vos.
Viel Zeit wür­de er für sei­nen Lieb­lings­sport al­ler­dings nicht ha­ben, höchs­tens am Sonn­tag: Die Teil­neh­mer des dies­jäh­ri­gen Welt­wirt­schafts­fo­rums er­war­te­te ein vol­les Pro­gramm - zwi­schen Sit­zun­gen, Emp­fän­gen und Aben­des­sen blieb vor­aus­sicht­lich kaum eine Mi­nu­te Frei­zeit. Da­vid­son nahm den Ab­lauf­plan zur Hand und blät­ter­te zer­streut dar­in her­um. Dann be­trach­te­te er die vor­bei­zie­hen­de Land­schaft und ließ sei­nen Ge­dan­ken frei­en Lauf.
Ges­tern Abend hat­te er mit sei­ner Mut­ter te­le­fo­niert. Als er bei­läu­fig ei­ni­ge pro­mi­nen­te Leu­te er­wähn­te, die er in Da­vos tref­fen wür­de, war sie be­geis­tert: Fast alle Na­men kann­te sie aus dem Fern­se­hen. „Das ist ja groß­ar­tig“, rief sie stolz. „Mein Sohn! Ich kann es kaum glau­ben.“ Er lä­chel­te bei die­sem Ge­dan­ken. Und schob ener­gisch sein Kinn vor. Schließ­lich ge­hör­te er ja dazu. Je­den­falls bald.
Zwei Stun­den spä­ter hol­te ihn ein Kra­chen un­sanft aus leich­tem Däm­mer­schlaf. Ver­wirrt rich­te­te Da­vid­son sich auf und ver­such­te her­aus­zu­fin­den, wo­her das lau­te Ge­räusch kam. Das Auto be­schleu­nig­te in ei­ner Kur­ve, und er wur­de in die Ecke ge­drückt. „Tut mir leid, Sir“, sag­te der Fah­rer, und warf einen ent­schul­di­gen­den Blick in den Rück­spie­gel. „Wir nä­hern uns dem Ta­gungs­zen­trum - das wa­ren Glo­ba­li­sie­rungs­geg­ner.“ Da­vid­son dreh­te sich um und sah ge­ra­de noch, wie ein jun­ger Mann mit ei­nem Stein auf den schwar­zen Wa­gen hin­ter ih­nen ziel­te. Dann blick­te er wie­der nach vorn. Eine Grup­pe schwarz ge­klei­de­ter De­mons­tran­ten stand am Stra­ßen­rand. Der Fah­rer ver­such­te, schnell an ih­nen vor­bei­zu­kom­men.
Fol­gen­rei­che Nach­richt
Da­vid­sons Han­dy klin­gel­te, und er zuck­te zu­sam­men. Un­ge­hal­ten kram­te er es her­vor. Frank Maug­ham war dran. Nor­ma­ler­wei­se wa­ren ihm die An­ru­fe des Fi­nanz­chefs und Board-Mit­glieds von Car­ston Wai­te durch­aus recht. Denn Maug­ham war nicht nur sein Kol­le­ge, er un­ter­stütz­te ihn in der Fir­ma auch als Men­tor - mitt­ler­wei­le seit rund vier­zehn Jah­ren. Sie kann­ten sich so gut, dass Maug­ham manch­mal nur we­gen ei­ner un­wich­ti­gen Rou­ti­ne­sa­che an­rief. Oder ein­fach, um zu plau­dern. Aber dies­mal war es an­ders. Da­vid­son be­merk­te so­fort den an­ge­spann­ten Ton in Maug­hams Stim­me - et­was war pas­siert. „Ich habe schlech­te Nach­rich­ten“, sag­te Maug­ham prompt. „Ich habe ge­ra­de mit un­se­rem Chef Da­vid Pa­ter­no ge­spro­chen. Er bat mich, dir aus­zu­rich­ten, dass er dich nicht zum Pre­si­dent von Car­ston Wai­te er­nen­nen wird.“ Maug­ham mach­te eine be­deu­tungs­vol­le Pau­se. „Zu­min­dest jetzt noch nicht. Er wird be­kannt ge­ben, dass er zu­nächst über­haupt nie­man­den be­nennt.“ Sei­ne Stim­me be­kam einen ver­ächt­li­chen Un­ter­ton. „Der Boss möch­te nah am Ta­ges­ge­schäft blei­ben.“
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