Kratylos ra­tio­na­li­siert­die Ur­nen­her­stel­lung

EIN ATHENER GESCHÄFTSMANN BRINGT NIKIAS UM SEINEN ARBEITSPLATZ UND ENTFACHT DADURCH EINEN SOKRATISCHEN DIALOG ÜBER PRODUKTIVITÄT UND RENTABILITÄT:

HBM 2/1985

TOLLY KI­ZI­LOS ist Di­rek­tor für Or­ga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung beim Sys­tems and Re­se­arch Cen­ter of Ae­ro­space and De­fen­se von Honeywell. KAL­LI­AS: Da kommt Ni­ki­as, wie ge­wöhn­lich er­regt an­ge­sichts ir­gend­wel­cher so­zia­ler oder sons­ti­ger Un­ge­rech­tig­kei­ten. SO­KRA­TES: Gu­ten Mor­gen, mei­ne Freun­de, wenn man den Mor­gen, an dem man sei­ne Ar­beit ver­lo­ren hat, gut hei­ßen kann. IP­PO­NI­KOS: Setz dich zu uns, Ni­ki­as, und be­rich­te, was ge­sche­hen. Den­ke an das, was So­kra­tes im­mer sagt: „Nichts Schlech­tes in die­ser Welt ent­hält nicht auch et­was Gu­tes.“ NI­KI­AS: Ich weiß, was So­kra­tes sagt. Aber mir hilft das in die­ser Si­tua­ti­on nicht wei­ter. Ich weiß nicht, was jetzt wer­den soll. Heu­te mor­gen ging ich wie stets in den letz­ten drei Jah­ren zur Ar­beit in Kra­ty­los' Werk­statt. Dort teil­te er mir und sie­ben wei­te­ren Kol­le­gen mit, daß wir nicht mehr ge­braucht wür­den. Er hat ein paar neue Töp­fer­schei­ben mit Fuß­an­trieb in­stal­liert, so daß er nicht mehr so vie­le Leu­te für die Ar­beit be­nö­tigt. So bin ich jetzt ar­beits­los. KAL­LI­AS: All das kam doch nicht un­er­war­tet, Ni­ki­as, oder? Ich hör­te Kra­ty­los schon vor ei­nem Mo­nat ganz of­fen auf der Ago­ra über die neu­en Schei­ben spre­chen, die er in Ko­rinth zu kau­fen be­ab­sich­tig­te. Es war kein Ge­heim­nis, daß er sie in­stal­lie­ren woll­te, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern. Er sag­te mir, daß er es tun müs­se, wenn er sein Ge­schäft nicht auf­ge­ben wol­le. Ich sehe ein, daß du und ei­ni­ge an­de­re für eine Wei­le dar­un­ter lei­den wer­den, aber Kra­ty­los muß die Pro­duk­ti­vi­tät sei­ner Werk­statt stei­gern, oder alle, die für ihn ar­bei­ten, wer­den schließ­lich ihre Ar­beit ver­lie­ren. Denn wenn er und an­de­re nicht pro­duk­ti­ver fer­ti­gen, wird Athen hin­ter Ko­rinth und an­de­re Städ­te zu­rück­fal­len, und alle Bür­ger ha­ben die Kon­se­quen­zen zu tra­gen. NI­KI­AS: Wir wis­sen das auch, aber wir hat­ten ge­hofft, daß es an­de­re Ar­beit für uns gäbe. Ist es denn pro­duk­ti­ver, Ar­beits­lo­se zu ha­ben, die über­haupt nichts tun, als Men­schen ein­träg­lich zu be­schäf­ti­gen? Wie kann die Pro­duk­ti­vi­tät der Stadt stei­gen, wenn vie­le Men­schen kei­ne Ar­beit ha­ben? So wie ich es sehe, hilft die­se kurz­sich­ti­ge Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung nie­man­dem au­ßer Kra­ty­los; sie kommt le­dig­lich sei­ner Hab­gier zu­gu­te. KAL­LI­AS: Laß gut sein, Ni­ki­as, das kann nicht dein Ernst sein! Pro­duk­ti­vi­tät stei­gert, gleich wo, lang­fris­tig den Nut­zen ei­nes je­den. Du wirst bald eine an­de­re Ar­beit fin­den, oder die Werk­statt von Kra­ty­los wird er­wei­tert, und er wird mehr Ar­bei­ter brau­chen, um die schnel­le­ren Töp­fer­schei­ben zu be­die­nen. SO­KRA­TES: Ist Pro­duk­ti­vi­tät denn so­wohl gut als auch von Übel? Ist sie so­wohl die Vor­aus­set­zung für den Wohl­stand der Ar­bei­ter als auch die Ur­sa­che für de­ren Un­glück? IP­PO­NI­KOS: Ah, So­kra­tes, wie klug du im­mer dei­ne Fra­gen stellst - so präg­nant, daß sie im­mer Ant­wor­ten nach dei­nem Ge­schmack er­lau­ben. Wa­rum gehst du nicht noch einen Schritt wei­ter und sagst, daß Pro­duk­ti­vi­tät un­mög­lich gut und schlecht zu­gleich sein - und daß fol­ge­rich­tig nur ei­ner un­se­rer Freun­de recht ha­ben kann? SO­KRA­TES: Weil, mein lie­ber Ip­po­ni­kos, im­mer die Mög­lich­keit be­steht, daß eine präg­nan­te Fra­ge zu ei­ner auf­schluß­rei­chen Ant­wort führt. Ich stel­le fest, daß ich im­mer wie­der neue Din­ge ent­de­cke, je äl­ter ich wer­de. KAL­LI­AS: Nun, ich bin im­mer miß­trau­isch an­ge­sichts dop­pel­deu­ti­ger Kon­zep­te. Pro­duk­ti­vi­tät ist ent­we­der gut oder schlecht, und nur ei­ner von uns hat recht. An­de­ren­falls ist die­ser Be­griff be­deu­tungs­los. IP­PO­NI­KOS: Men­schen kön­nen die Be­deu­tun­gen von Wör­tern im­mer so weit aus­deh­nen, daß sie die­se ver­ste­hen und mit­ein­an­der über­ein­stim­men. Al­les, was man dazu be­nö­tigt, ist eine ge­mein­sa­me Kul­tur und gu­ter Wil­le. KAL­LI­AS: Du machst es dir zu leicht, gute Ar­gu­men­te für dei­nen Stand­punkt zu fin­den, Ip­po­ni­kos. Du un­ter­stellst, daß es, falls wir nicht mit­ein­an­der über­ein­stim­men, kei­nes­wegs be­deu­tet, ei­ni­ge von uns sind falscher An­sicht; viel­mehr sind sie in die­sem Fal­le Bar­ba­ren oder Schur­ken oder bei­des. Aber viel­leicht hast du das gar nicht ge­meint? NI­KI­AS: Wenn das zu ei­ner Geis­tes­schlacht wird, zählt nicht auf mich. SO­KRA­TES: Ni­ki­as hat Recht. Laßt uns Ver­all­ge­mei­ne­run­gen auf­ge­ben, die jede Phi­lo­so­phie ir­re­le­vant ma­chen; laßt uns lie­ber die Be­deu­tung der Pro­duk­ti­vi­tät er­for­schen. Viel­leicht ist Pro­duk­ti­vi­tät ein so schwer faß­ba­rer Be­griff, daß wir nur ein par­ti­el­les Ver­ständ­nis er­lan­gen kön­nen, das von uns al­len ak­zep­tiert wer­den kann. Wir wol­len zu­ver­sicht­lich sein. IP­PO­NI­KOS: Mit ei­nem Ideo­lo­gen wie Kal­li­as wird die­se Dis­kus­si­on rei­ne Zeit­ver­schwen­dung sein, fürch­te ich. Löh­ne und Ent­las­sun­gen
Jetzt kaufen
© Harvard Business Manager
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
Inhalt

Abbildungen und Diagramme

Bilder:
0
Infografiken:
0

Textumfang

Seiten:
8
Zeichen:
38.673
Nachdrucknummer:
198502046
Nachdrucke
Nachdrucke in Medien aller Art
Seitenpreise ab 360 Euro je nach Auflage

Nutzungsrechte im PDF-Format
Ohne Fotos und Illustrationen. Für die Verwendung bei betriebsinternen Fortbildungen, Kundenbroschüren, im Intranet und firmeninternen Pressespiegel: Preisberechnung pro Exemplar beziehungsweise pro Nutzer je nach Auflage.

Sonderdrucke
Möglich ab 500 Exemplaren, Preise auf Anfrage.
Ein Beispiel finden Sie hier.

Nachdrucke von Illustrationen
© Harvard Business Manager: Preise auf Anfrage

Alle Preise verstehen sich zuzüglich Mehrwertsteuer und gegebenenfalls Versandkosten.

Für Artikel mit Copyrightvermerk "Harvard Business School Publishing" gelten besondere urheberrechtliche Bedingungen, die wir Ihnen auf Anfrage gern erläutern.
Hier können Sie nach den Lizenz-Bedingungen fragen.

Alle Themen
Nach oben