Pri­va­ti­sie­rung - ein Allheilmittel?

VOR DER ENTSTAATLICHUNG NOTLEIDENDER ÖFFENTLICHER UNTERNEHMEN SIND DIE BETRIEBSWIRTSCHAFTLICHEN KONSEQUENZEN ZU PRÜFEN:

HBM 3/1988


DR. RI­CHARD M. HAM­MER ist Uni­ver­si­täts­do­zent und Lei­ter der Ab­tei­lung Pla­nung am In­sti­tut für Un­ter­neh­mens­füh­rung der Uni­ver­si­tät Inns­bruck. PROF. DR. HANS H. HIN­TER­HU­BER ist Di­rek­tor die­ses In­sti­tuts und lehn au­ßer­dem In­dus­trie­be­trie­bs­leh­re an der Ka­tho­li­schen Uni­ver­si­tät in Mai­land. DR. JUS­TUS LO­R­ENTZ ist Mit­ar­bei­ter ei­ner großen Un­ter­neh­mens­be­ra­tungs­fir­ma in Lon­don.

Al­lein in Eng­land, Frank­reich, Ita­li­en und Ös­ter­reich sind seit 1979 über 30 selb­stän­di­ge staat­li­che In­dus­trie- und Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men ganz oder mehr­heit­lich an pri­va­te In­ves­to­ren ver­kauft wor­den. Dazu kom­men über zehn wei­te­re Pri­va­ti­sie­run­gen in an­de­ren Län­dern so­wie mehr als 65 be­kann­te Pri­va­ti­sie­rungs­kan­di­da­ten. Auf po­li­ti­scher Ebe­ne (gleich wel­cher Cou­leur), in der aka­de­mi­schen Welt und in den Ver­bän­den und Un­ter­neh­men steht die ge­gen­wär­ti­ge Wel­le der Pri­va­ti­sie­run­gen von Staats­ei­gen­tum, die - aus­ge­hend von Groß­bri­tan­ni­en - nun alle west­li­chen In­dus­tri­e­län­der und so­gar Schwel­len­län­der er­reicht, im Mit­tel­punkt ei­ner in­ten­si­ven Dis­kus­si­on. Pri­va­ti­sie­rung er­scheint vie­ler­orts als All­heil­mit­tel, ge­eig­net, die Staats­haus­hal­te zu ent­las­ten, die Ver­mö­gens­bil­dung bei Be­leg­schaf­ten und in brei­ten Schich­ten der (Wahl-)Be­völ­ke­rung zu för­dern, das Funk­tio­nie­ren von Markt­me­cha­nis­men zu ver­bes­sern, die Sa­nie­rungs­be­mü­hun­gen gan­zer struk­tur­schwa­cher Bran­chen zu un­ter­stüt­zen und da­mit die Be­schäf­ti­gung lang­fris­tig und selbst­tra­gend zu si­chern (sie­he Ab­bil­dung 1).
Die Lo­gik des staat­li­chen Un­ter­neh­mens
In ge­misch­ten Wirt­schafts­sys­te­men, wie in Ita­li­en, Frank­reich, Ös­ter­reich und Spa­ni­en, ist das Füh­ren von Un­ter­neh­men eine Dauer­ein­rich­tung der öf­fent­li­chen Hand, die al­ler­dings zu­neh­mend in Fra­ge ge­stellt wird. Staats­be­trie­be, die mit pri­va­ten Un­ter­neh­men im Wett­be­werb ste­hen, die­nen da­bei nicht fis­ka­li­schen, son­dern po­li­ti­schen Zie­len. Die­se soll­ten von den po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­zen­tren und nicht vom Ma­na­ge­ment des staat­li­chen Un­ter­neh­mens be­stimmt wer­den. Denn von den obers­ten Füh­rungs­kräf­ten ei­nes staat­li­chen Un­ter­neh­mens ist nicht zu ver­lan­gen, daß sie auf die Ver­bes­se­rung der lang­fris­ti­gen Ge­win­naus­sich­ten ver­zich­ten und sich in Staats­be­am­te neu­en Typs ver­wan­deln, die von Fall zu Fall ent­schei­den, ob das All­ge­mein­wohl eine Her­ab­set­zung der Prei­se, eine Er­hal­tung der Ar­beitsplät­ze oder die Er­rich­tung von Fer­ti­gungs­be­trie­ben in Ge­bie­ten er­for­dert, wo sich pri­va­te Un­ter­neh­men nicht nie­der­las­sen wol­len. Sol­len In­ef­fi­zi­enz, Un­ge­rech­tig­keit und Kor­rup­ti­on mi­ni­miert wer­den, muß im öf­fent­li­chen Be­reich eine Auf­ga­ben­tren­nung statt­fin­den: 1. Auf­ga­be der po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­zen­tren ist es, die Zie­le der staat­li­chen Un­ter­neh­men fest­zu­le­gen und die Kos­ten zu be­ur­tei­len, die das Er­rei­chen die­ser Zie­le den öf­fent­li­chen Haus­hal­ten auf­bür­det; soll ein de­fi­zi­tär­er Staats­be­trieb aus po­li­ti­schen (und volks­wirt­schaft­li­chen) Er­wä­gun­gen in ei­ner struk­tur­schwa­chen Re­gi­on wei­ter ope­rie­ren, ob­wohl je­der pri­va­te Un­ter­neh­mer ihn längst ge­schlos­sen hät­te, so fällt die­se Ent­schei­dung in die Ver­ant­wor­tung der po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­zen­tren, die auch die Op­por­tu­ni­täts­kos­ten der Wei­ter­füh­rung ab­zu­wä­gen ha­ben; 2. Auf­ga­be des Ma­na­ge­ments des staat­li­chen Un­ter­neh­mens ist es, ge­nau­so wie in pri­va­ten den Ge­winn lang­fris­tig zu ma­xi­mie­ren. Der ein­zi­ge Un­ter­schied: Zu den üb­li­chen Rand­be­din­gun­gen kom­men die Zie­le hin­zu, die die po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­zen­tren mit der Füh­rung des Un­ter­neh­mens zu er­rei­chen hof­fen. Die auf­grund po­li­ti­scher Zie­le ent­ste­hen­den ge­mein­wirt­schaft­li­chen Kos­ten wer­den den öf­fent­li­chen Haus­hal­ten auf­er­legt und dür­fen nicht die Bi­lan­zen der öf­fent­li­chen Un­ter­neh­men be­las­ten. Die Ent­schei­dungs­mo­del­le für bei­de Ar­ten von Un­ter­neh­men un­ter­schei­den sich so­mit nicht: Staats­un­ter­neh­men ori­en­tie­ren sich nicht an meist un­prä­zi­sen Zie­len von öf­fent­li­chem In­ter­es­se, son­dern ge­nau­so wie pri­va­te Un­ter­neh­men an lang­fris­ti­gen Ge­winn­zie­len, al­ler­dings un­ter Be­ach­tung zu­sätz­li­cher Rand­be­din­gun­gen. In ei­ner ge­misch­ten Wirt­schaft muß so­mit der Staat 1. die ge­mein­wirt­schaft­li­chen Zie­le der staat­li­chen Un­ter­neh­men fest­le­gen und 2. die zu­sätz­li­chen Kos­ten de­cken, die den öf­fent­li­chen Un­ter­neh­men aus dem Ein­hal­ten der vom Staat vor­ge­ge­be­nen Zie­le er­wach­sen. Die Fra­ge der Pri­va­ti­sie­rung stellt sich im­mer dann, wenn die ge­mein­wirt­schaft­li­chen Zie­le nicht län­ger re­le­vant sind oder auf eine an­de­re Art und Wei­se bes­ser er­füllt wer­den kön­nen.
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