Zukunftsmarkt Bio­tech­no­lo­gie

IDENTIFIKATION UND BEURTEILUNG VON GESCHÄFTEN IN EINER JUNGEN WACHSTUMSBRANCHE.:

HBM 4/1986


DR. GÜN­TER MÜL­LER lehrt am In­sti­tut für Or­ga­ni­sa­ti­on der Uni­ver­si­tät Mün­chen.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat die Bio­tech­no­lo­gie eine in ih­rer Ra­sanz kaum zu über­bie­ten­de Ent­wick­lung er­fah­ren. Über die wich­tigs­ten Er­eig­nis­se in ei­nem ih­rer wich­tigs­ten Teil­be­rei­che, näm­lich der Gen­tech­no­lo­gie, in­for­miert die Zeit­ta­fel in Ab­bil­dung 1. Vie­le Po­li­ti­ker, Wis­sen­schaft­ler und Ma­na­ger ver­tre­ten heu­te die Auf­fas­sung, daß bis zum Jahr 2000 die Bio­tech­no­lo­gie das phy­si­ka­lisch-che­mi­sche Zeit­al­ter ab­lö­sen wird. Die­se „Vi­si­on“ auf ihre Rich­tig­keit zu über­prü­fen, ist schlech­ter­dings nicht mög­lich. Statt des­sen soll im vor­lie­gen­den Fall die Bio­tech­no­lo­gie als Zu­kunfts­bran­che ei­ner dif­fe­ren­zie­ren­den Be­trach­tung un­ter­zo­gen wer­den. Aus Ab­bil­dung 2 wird deut­lich, daß es nur we­ni­ge grund­le­gen­de bio­tech­no­lo­gi­sche Ver­fah­ren gibt; die­se fin­den aber äu­ßerst brei­te An­wen­dung. So durch­dringt die Bio­tech­no­lo­gie die ver­schie­dens­ten Be­rei­che von der Me­di­zin bis zur Ab­fall­be­sei­ti­gung. Da­mit er­öff­net sich eine enor­me Viel­falt an zu­künf­ti­gen An­wen­dungsund For­schungs­po­ten­tia­len. Vor die­sem Hin­ter­grund wird ver­ständ­lich, daß die Bio­tech­no­lo­gie als die Zu­kunfts­bran­che schlecht­hin an­ge­se­hen wird, von der große Fort­schrit­te er­war­tet und in die als „sanf­te Tech­no­lo­gie“ große Hoff­nun­gen ge­setzt wer­den. Staat­li­cher­seits wird sie in na­he­zu al­len großen In­dus­trie­na­tio­nen um­fas­send ge­för­dert, um ent­we­der einen Vor­sprung zu wah­ren be­zie­hungs­wei­se zu nut­zen oder um An­schluß zu ge­win­nen: * Ja­pan in­ves­tiert in ei­nem Zehn­jah­res­pro­gramm mehr als 30 Mil­lio­nen Dol­lar jähr­lich für bio­tech­no­lo­gi­sche In­dus­trie­for­schung und -ent­wick­lung. 1983 ga­ben dort be­reits etwa 200 Fir­men jähr­lich mehr als 1,3 Mil­lio­nen DM für bio­tech­no­lo­gi­sche For­schung aus. Trotz des star­ken En­ga­ge­ments der öf­fent­li­chen Hand in Ja­pan steht al­ler­dings au­ßer Zwei­fel, daß die For­schungs- und Ent­wick­lungs­mit­tel über­wie­gend von pri­va­ten Un­ter­neh­men auf­ge­bracht wer­den. * Die Bun­des­re­gie­rung stellt im Zeit­raum von 1985 bis 1989 ins­ge­samt 1,14 Mil­li­ar­den DM in ih­rem Pro­gramm zur För­de­rung an­ge­wand­ter Bio­lo­gie und der Bio­tech­no­lo­gie be­reit. Über neue For­men der Ver­bund­for­schung (Grün­dung von vier Gen-Zen­tren zur Ko­ope­ra­ti­on von In­dus­tri­e­la­bors, Hoch­schu­lein­rich­tun­gen und Max-Planck-In­sti­tu­ten) wer­den eben­falls struk­tur­po­li­ti­sche Maß­nah­men er­grif­fen. * Das mehr­jäh­ri­ge For­schungs-Ak­ti­ons­pro­gramm der Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft auf dem Ge­biet der Bio­tech­no­lo­gie von 1985 bis 1989 oder die För­der­pro­gram­me der Bun­des­län­der Ba­den-Würt­tem­berg und Nord­rhein-West­fa­len wei­sen die Bio­tech­no­lo­gie eben­falls als zu­kunfts­träch­ti­ge Schlüs­sel­bran­che aus. Ähn­lich wird die Bio­tech­no­lo­gie von der In­dus­trie be­wer­tet: * Die In­ves­ti­tio­nen von In­dus­trie-Un­ter­neh­men für den Bau von bio­tech­no­lo­gi­schen An­la­gen wer­den für das Jahr 1985 welt­weit mit 2,5 bis 3,5 Mil­li­ar­den Dol­lar ver­an­schlagt. So in­ves­tiert zum Bei­spiel Tho­mae, eine Toch­ter des Phar­ma-Kon­zerns Boeh­rin­ger In­gel­heim, 37 Mil­lio­nen DM in den Bau ei­nes Bio­tech­ni­kums. Dort wur­den auch etwa 114 Mil­lio­nen DM in die Mit­te 1986 pro­duk­ti­ons­rei­fe Ent­wick­lung ei­nes Mit­tels für die Be­hand­lung von aku­ten Herz­in­fark­ten und Throm­bo­sen (t-PA) in­ves­tiert. Für etwa 150 Mil­lio­nen DM muß­ten dazu noch die Li­zenz als auch das Ver­trie­bs­recht bei Genen­tech Inc., San Fran­zis­ko, er­wor­ben wer­den (wo­bei Boeh­rin­ger zu fünf Pro­zent an Genen­tech be­tei­ligt ist). * 300 Füh­rungs­kräf­te aus den USA, Ja­pan und Eu­ro­pa nann­ten Com­pu­ter-Soft­wa­re und Bio­tech­no­lo­gie als die bei­den Tech­no­lo­gi­en, die bis zum Jahr 2000 die stärks­ten Aus­wir­kun­gen ha­ben wer­den. Aus­gangs­punkt ei­nes En­ga­ge­ments im Be­reich der Bio­tech­no­lo­gie ist bei großen Fir­men oft die Be­fürch­tung, be­ste­hen­de Ge­schäf­te wür­den durch die neue Tech­no­lo­gie be­ein­träch­tigt wer­den. Um die­se Markt­po­ten­tia­le nicht zu ver­lie­ren, müs­se man ein­fach mit­hal­ten und mit­ma­chen. So ge­winnt etwa die Phar­ma- For­schung durch die Bio­tech­no­lo­gie Zu­gang zu ei­ner ganz neu­en Ge­ne­ra­ti­on von Me­di­ka­men­ten. Quad­beck-See­ger, Vor­stands­vor­sit­zen­der bei der BASF- Toch­ter Knoll, sieht in der bio­lo­gi­schen Pro­duk­ti­on kör­perei­ge­ner Pro­te­i­ne eine Er­gän­zung der klas­si­schen Che­mo­the­ra­pie. Zum an­de­ren be­gin­nen sich Un­ter­neh­men nach neu­en Tä­tig­keits­fel­dern um­zu­se­hen, wenn in den an­ge­stamm­ten Be­rei­chen kein wei­te­res Wachs­tum mehr zu er­war­ten ist. Na­tür­lich gibt es auch Stim­men, die vor all­zu viel Eu­pho­rie war­nen. Die wirt­schaft­li­chen Per­spek­ti­ven der Bio­tech­no­lo­gie wür­den über­schätzt. So um­fas­se die me­di­zi­ni­sche An­wen­dung nur einen klei­nen Sek­tor der Volks­wirt­schaft; für die Groß-Che­mie ma­che es kei­nen ent­schei­den­den Un­ter­schied, ob statt Druck und Tem­pe­ra­tur künf­tig Fer­men­ta­ti­ons­pro­zes­se ein­ge­setzt wer­den; und in der Land­wirt­schaft hät­ten wir schon heu­te Pro­duk­ti­ons­über­schüs­se.
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