Die Kunst des Denkens

WIE KOMMT EIN MANAGER ZU SCHLÜSSIGEN ENTSCHEIDUNGEN?:

HBM 3/1987


HIL­LEL J. EIN­HORN und RO­BIN M. HO­GARTH sind Pro­fes­so­ren für Ent­schei­dungs­theo­rie an der Gra­dua­te School of Busi­ness der Uni­ver­si­ty of Chi­ca­go.

Tag­täg­lich tref­fen Ma­na­ger zahl­rei­che Ent­schei­dun­gen und ana­ly­sie­ren Fak­ten, Al­ter­na­ti­ven und Kon­se­quen­zen. Wa­rum sind zum Bei­spiel die Ver­kaufs­zah­len an ei­nem Ort gut, am nächs­ten schlecht? Schafft eine In­ves­ti­ti­on in neue Ma­schi­nen hö­he­re Pro­duk­ti­vi­tät oder führt sie zu Cha­os im Be­trieb? Soll­te man sich jetzt nach ei­nem Part­ner für eine Ge­mein­schafts­pro­duk­ti­on um­schau­en oder ist es bes­ser zu war­ten? Sel­ten wird je­doch über­legt, wie wir über­haupt den­ken. Jede Ent­schei­dung ent­steht aus ei­nem Pro­zeß, der auf zwei un­ter­schied­li­chen Denk­vor­gän­gen be­ruht: ein Blick zu­rück, um die Ver­gan­gen­heit zu ver­ste­hen, ein Blick vor­aus, um die Zu­kunft zu er­ken­nen. Der Blick in die Ver­gan­gen­heit ist großen­teils in­tui­tiv und ver­langt ein ge­sun­des Ur­teils­ver­mö­gen. Da­bei wer­den be­kann­te Er­geb­nis­se der Ver­gan­gen­heit dia­gno­s­ti­ziert. Es wer­den Mus­ter oder Ge­setz­mä­ßig­kei­ten ge­sucht, Er­eig­nis­se kom­bi­niert, Kau­sal­ket­ten über­prüft und Me­ta­phern oder Theo­ri­en ge­fun­den, die eine Vor­schau auf das Kom­men­de er­mög­li­chen sol­len. Beim Blick in die Zu­kunft sieht es um­ge­kehrt aus. Nicht In­tui­ti­on, son­dern streng ana­ly­ti­sches Vor­ge­hen ist ge­fragt: Der Ent­schei­dungs­trä­ger muß eine An­zahl von Va­ria­blen zu­sam­men­stel­len und be­wer­ten, um dar­aus eine Pro­gno­se zu for­mu­lie­ren. Mit­tels ei­ner Stra­te­gie oder Re­gel, dem Über­prü­fen, wie ex­akt die Er­geb­nis­se sind, und der Kom­bi­na­ti­on al­ler Tei­l­in­for­ma­tio­nen ent­wi­ckelt der Ent­schei­dungs­trä­ger schließ­lich eine ein­zi­ge in­te­grier­te Vor­her­sa­ge. Ob­wohl Ma­na­ger bei­de Denk­mo­del­le lau­fend an­wen­den, ken­nen sie meist nicht den Un­ter­schied. Die­ses man­geln­de Wis­sen führt häu­fig zu Fehl­schlüs­sen und da­mit zu Fehl­ent­schei­dun­gen. Wenn wir ana­ly­ti­sches und in­tui­ti­ves Den­ken bes­ser be­herr­schen, kön­nen wir Irr­tü­mer leich­ter er­ken­nen und an­ge­mes­se­ne­re Ent­schei­dun­gen tref­fen. Um zu ver­ste­hen, wie in­tui­ti­ves oder re­tro­gra­des Den­ken funk­tio­niert, wol­len wir uns in die Si­tua­ti­on der Stein­zeit­menschen hin­ein­ver­set­zen und ver­su­chen, fol­gen­des Pro­blem zu lö­sen. Stel­len wir uns vor, wir ge­hör­ten zu ei­nem Stamm, der me­tho­disch re­la­tiv hoch, doch wis­sen­schaft­lich nur we­nig ent­wi­ckelt ist. Die Kennt­nis­se des Stam­mes in Bio­lo­gie, Che­mie oder Phy­sik sind denk­bar ge­ring. Er ist je­doch mit ei­nem großen Pro­blem kon­fron­tiert - der alar­mie­rend schrump­fen­den Ge­bur­ten­ra­te. Der Stam­mes-Sta­tis­ti­ker hat aus­ge­rech­net, daß un­ser Völk­chen bald aus­ster­ben wird, falls es nicht ge­lingt, die­sen Trend zu stop­pen. Der Häupt­ling setzt eine Kom­mis­si­on ein, die her­aus­fin­den soll, wie die Ge­burt von Men­schen zu­stan­de kommt - denn das ist in un­se­rem Stamm völ­lig un­be­kannt. Das For­scher­team hat freie Hand für alle nö­ti­gen Ex­pe­ri­men­te. Als ers­tes stellt sich na­tür­lich die Fra­ge: Was könn­te ein re­le­van­ter Kau­sal­fak­tor sein? Die meis­ten Men­schen su­chen als Bin­de­glied zwi­schen Ur­sa­che und Wir­kung zu­al­ler­erst nach ei­nem be­son­de­ren Er­eig­nis, das der zu er­klä­ren­den Tat­sa­che vor­aus­ging. In un­se­rem Fall wird sich der Stamm fra­gen, ob et­was Au­ßer­ge­wöhn­li­ches vor dem Ge­bur­ten­rück­gang pas­sier­te. Er wird ver­mut­lich nach ei­ner Ur­sa­che su­chen, die - in phy­si­scher oder sinn­bild­li­cher Form - eine Ähn­lich­keit zur Wir­kung zeigt. Viel­leicht springt der Kom­mis­si­on ins Auge, daß die Kin­der des Stam­mes den Män­nern und Frau­en, mit de­nen sie zu­sam­men­le­ben, äu­ßer­lich glei­chen. Die­se Ähn­lich­keit könn­te den Schluß na­he­le­gen: Ge­schlechts­ver­kehr führt zu Schwan­ger­schaft. Das For­scher­team muß aber da­von aus­ge­hen, daß die­se Theo­rie durch nichts be­wie­sen ist und daß sie auf kei­ner­lei ge­si­cher­ten Kennt­nis­sen be­ruht. Es be­steht ja ers­tens schon ein lan­ger zeit­li­cher Ab­stand - neun Mo­na­te - zwi­schen Ur­sa­che und Wir­kung. Zum an­de­ren fehlt das Wis­sen über den bio­lo­gi­schen Ab­lauf, der Ge­schlechts­ver­kehr und Schwan­ger­schaft ver­bin­det. Drit­tens sind Aus­maß und Dau­er doch sehr un­ter­schied­lich. Und schließ­lich gibt es noch ei­ni­ge an­de­re Fak­to­ren, die ge­nau­so gut wie Ge­schlechts­ver­kehr mit ei­ner Schwan­ger­schaft in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den kön­nen und die nicht un­be­dingt aus­zu­schlie­ßen sind - zum Bei­spiel: bei Voll­mond händ­chen­hal­tend un­ter Pal­men zu sit­zen. Die ein­zi­ge Mög­lich­keit, die­se Fra­ge ein­deu­tig zu klä­ren und den Stamm vor dem Aus­ster­ben zu ret­ten, ist ein Ex­pe­ri­ment. Die Kom­mis­si­on sucht also 200 Paa­re, von de­nen 100 Ge­schlechts­ver­kehr prak­ti­zie­ren und die an­de­ren sich ab­sti­nent ver­hal­ten sol­len. Das Er­geb­nis: 20 Frau­en der ers­ten Grup­pe wer­den schwan­ger, 80 nicht; fünf Frau­en der zwei­ten Grup­pe wer­den eben­falls schwan­ger, 95 nicht. (Die­se fünf Schwan­ger­schaf­ten stel­len eine ty­pi­sche Feh­ler­quo­te ei­ner sol­chen Er­he­bung dar und las­sen sich mit Ver­geß­lich­keit, falscher Aus­sa­ge und mensch­li­cher Schwä­che er­klä­ren). Mit die­sen Da­ten be­rech­nen Sie eine Kor­re­la­ti­on von 0,34 zwi­schen Ge­schlechts­ver­kehr und Schwan­ger­schaft. Sie ist so ge­ring, daß Sie an­neh­men müs­sen, Ge­schlechts­ver­kehr sei nicht die Ur­sa­che von Schwan­ger­schaft. Sie ver­wer­fen also die­se Theo­rie und su­chen nach an­de­ren Lö­sungs­mög­lich­kei­ten. Soll­te die Mond­schein- und Pal­men­theo­rie viel­leicht doch nicht so falsch sein?
Jetzt kaufen
© Harvard Business Manager
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
Inhalt

Abbildungen und Diagramme

Bilder:
0
Infografiken:
0

Textumfang

Seiten:
5
Zeichen:
22.715
Nachdrucknummer:
198703007
Nachdrucke
Nachdrucke in Medien aller Art
Seitenpreise ab 360 Euro je nach Auflage

Nutzungsrechte im PDF-Format
Ohne Fotos und Illustrationen. Für die Verwendung bei betriebsinternen Fortbildungen, Kundenbroschüren, im Intranet und firmeninternen Pressespiegel: Preisberechnung pro Exemplar beziehungsweise pro Nutzer je nach Auflage.

Sonderdrucke
Möglich ab 500 Exemplaren, Preise auf Anfrage.
Ein Beispiel finden Sie hier.

Nachdrucke von Illustrationen
© Harvard Business Manager: Preise auf Anfrage

Alle Preise verstehen sich zuzüglich Mehrwertsteuer und gegebenenfalls Versandkosten.

Für Artikel mit Copyrightvermerk "Harvard Business School Publishing" gelten besondere urheberrechtliche Bedingungen, die wir Ihnen auf Anfrage gern erläutern.
Hier können Sie nach den Lizenz-Bedingungen fragen.

Alle Themen
ANZEIGE
Nach oben