Der Gerechtefällt sieben Mal am Tage

„STOLPERN FÖRDERT“ (JOHANN WOLFGANG VON GOETHE):

HBM 1/1992


DR. REIN­HARD K. SPREN­GER ist Per­so­nal­ent­wick­ler und Ma­na­ge­ment­trai­ner in Es­sen. Sein Buch „My­thos Mo­ti­va­ti­on“ er­schi­en jüngst im Cam­pus Ver­lag Frank­furt.

Feh­ler ma­chen, wa­rum nicht? Wie der Wei­se sagt: „Wer weiß, wozu es gut ist . . .“ Ei­nes der be­rühm­tes­ten Bei­spie­le für einen ver­meint­li­chen Feh­ler ist si­cher­lich der Kle­b­stoff der 3M-Post-it-Haft­no­ti­zen, der aus der miß­glück­ten Su­che nach ei­nem Hoch­leis­tungs­kle­ber her­vor­ging. Sha­ke­s­pea­res Yo­rick wuß­te, daß der ge­ra­de Weg, wo­hin im­mer er füh­re, stets der schlech­te­re sei denn er un­ter­schät­ze das „Reich der un­ge­nütz­ten Mög­lich­kei­ten“. Ge­wiß, Stol­pern mag eine sol­che Gang­art sein, die der Gra­zie er­man­gelt. Aber auch die Na­tur macht Sprün­ge. Und ohne chao­ti­schen An­teil gibt es kei­ne Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on. Je­mand, der das so sieht, ge­winnt im­mer: Hat er Er­folg, ge­winnt er an Selbst­be­stä­ti­gung, Mut und Ener­gie; er­fährt er eine Nie­der­la­ge, ge­winnt er an Le­bens­er­fah­rung und Sti­mu­lanz für bes­se­re Ide­en. Mehr noch: Ei­gent­lich soll­te ein je­der sei­ne per­sön­li­chen Plei­ten ge­ra­de­zu fei­ern, brin­gen die doch Span­nung ins Le­ben und zei­gen dem Be­tref­fen­den, daß er sich in ei­nem Wachs­tumspro­zeß be­fin­det. Nur Hin­der­nis­se und Wi­der­stän­de - ob nun im ers­ten oder erst im drit­ten An­lauf ge­nom­men brin­gen uns vor­an. Um­we­ge ver­meh­ren die Orts­kennt­nis­se.
Miß­er­folgs­ver­mei­der
Auch die Feh­ler, die im Un­ter­neh­men be­gan­gen wer­den, sind nö­tig, sol­len neue Wege ein­ge­schla­gen wer­den. Aber das heißt nicht, daß es in­tel­li­gent wäre, den­sel­ben Feh­ler mehr­fach zu ma­chen. Das Graf­fi­to sagt es deut­lich ge­nug: „Es ist nicht schlimm, einen Fe­ler zu ma­chen. Es ist nur schlimm, einen Fe­ler zwei­mal zu ma­chen.“ Den­noch, in der all­ge­mei­nen Un­ter­neh­mens­kul­tur des Recht­ha­bens ste­hen ei­nem kon­struk­ti­ven Um­gang mit Feh­lern un­aus­rott­ba­re Vor­ur­tei­le ent­ge­gen. Da wird zum einen in na­he­zu al­len Un­ter­neh­men mit Feh­lern auf sehr dys­funk­tio­na­le Wei­se um­ge­gan­gen - näm­lich so, als sei­en sie be­wußt ge­macht wor­den. Die Fol­gen: Be­schul­di­gun­gen, wil­de Vor­wür­fe vom Ty­pus „Hät­ten-Sie-es-nicht-ver­mei­den-kön­nen?“ und na­tür­lich der viel­ge­spiel­te Recht­fer­ti­gungs- Blues. Doch auf die­se Wei­se ver­lie­ren alle. Feh­ler kann man schließ­lich nicht be­wußt in­sze­nie­ren - Feh­ler pas­sie­ren ein­fach, Ih­nen, mir, al­len an­de­ren. Mehr oder we­ni­ger häu­fig ge­schieht das, und es gibt da­her streng ge­nom­men kei­nen Grund, den/die ver­meint­li­chen „Tä­ter“ an­zu­kla­gen oder selbst auch nur ver­stimmt zu sein. Da­mit wird zu kei­ner ach­sel­zu­cken­den Egal-Hal­tung ge­ra­ten, son­dern zum Er­ken­nen der sch­lich­ten Tat­sa­che, daß Feh­ler nun mal statt­fin­den und ab­sicht­lich nicht ge­macht wer­den kön­nen. Denn: Ein ab­sichts­vol­ler Feh­ler ist eben kei­ner, son­dern Sa­bo­ta­ge. Wie aber läßt sich un­ter­schei­den, ob feh­ler­haf­tes Ver­hal­ten oder Sa­bo­ta­ge vor­liegt? Ein schwie­ri­ges Ge­schäft. So­lan­ge der Ak­teur sei­ne sa­bo­tie­ren­den Ab­sich­ten nicht ein­ge­steht, muß da­von aus­ge­gan­gen wer­den, daß ihm ein Feh­ler un­ter­lau­fen ist. Und dann - ich wie­der­ho­le das, weil es mir wich­tig ist liegt kein Grund vor, an­zu­kla­gen oder sich auch nur auf­zu­re­gen. Soll­ten frei­lich zu vie­le Feh­ler pas­sie­ren oder aus Feh­lern nicht ge­lernt wer­den, muß das Kon­se­quen­zen ha­ben. Der(die) Betreffende(n) gehört(en) in die­sen Fäl­len nicht an die der­zei­ti­ge Po­si­ti­on. Aber mehr ist nicht zu sa­gen. Mit zu­neh­men­der Kom­ple­xi­tät der Märk­te und wach­sen­den Ri­si­ken steigt der Be­darf an (Rück-) Ver­si­che­run­gen al­ler Art. Und Ma­na­ger, die of­fen zu­ge­ben, daß sie um­den­ken müs­sen oder gar daß sie sich da oder dort ge­irrt ha­ben, wer­den gern als Mem­men und Schwäch­lin­ge an­ge­se­hen. Fast alle Be­grif­fe, die den Her­gang be­schrei­ben, sind ne­ga­tiv be­setzt oder ent­beh­ren nicht ei­ni­ger Thea­tra­lik: „Feh­ler ein­ge­ste­hen“, „einen Irr­tum be­ken­nen“, „eine Po­si­ti­on ver­las­sen“, „nicht zu sei­ner Mei­nung ste­hen“, „den Stand­punkt wech­seln“. Ge­ra­de die Kor­rek­tur von zu­nächst ver­tre­te­nen An­sich­ten, mit dem harm­lo­sen Wort „Sin­nes­wan­del“ über­schrie­ben, hat im All­tags­ge­brauch einen an­rü­chi­gen Bei­ge­schmack. Im­mer noch steht das ar­chai­sche Ide­al der Ni­be­lun­gen­treue über dem Wert Er­kennt­nis­ge­winn.
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