Die Lehredes plätschernden Bachs

FERNÖSTLICHE WEISHEIT KANN UNS DIE KUNST DES RICHTIGEN FÜHRENS NAHEBRINGEN:

HBM 1/1993


W. CHAN KIM ist au­ßer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor für Stra­te­gie und in­ter­na­tio­na­les Ma­na­ge­ment. RENÉE A. MAU­BOR­GNE ist For­schungs­be­auf­trag­ter für Ma­na­ge­ment und in­ter­na­tio­na­len Han­del. Bei­de ar­bei­ten am In­sead in Fon­tai­nebleau.

Die fol­gen­den Fa­beln zei­gen auf, worin die we­sent­li­chen Qua­li­tä­ten ech­ten Füh­rungs­ver­hal­tens be­ste­hen und was die Hand­lun­gen von Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten cha­rak­te­ri­siert. Sie be­rich­ten von der Gabe zu hö­ren, was un­aus­ge­spro­chen bleibt, von De­mut und Hin­ga­be, vom Nut­zen der Be­reit­schaft, die Wirk­lich­keit auf güns­ti­ge An­griffs­flä­chen hin ab­zu­su­chen und von der Fä­hig­keit, eine Or­ga­ni­sa­ti­on zu schaf­fen, in der je­des Mit­glied sei­ne be­son­de­ren Stär­ken ent­fal­ten kann. Dem Le­ser ge­ben die Le­gen­den Stoff, über das We­sen wirk­li­cher Lea­der­ship so­wie über das ei­ge­ne Le­ben und die ei­ge­ne Ar­beit nach­zu­den­ken.
Der Klang des Wal­des
Es war im drit­ten Jahr­hun­dert vor Chris­tus, als Kö­nig Tsao sei­nen Sohn Prinz Tai zum Tem­pel schick­te, um beim großen Meis­ter Pan Ku in die Leh­re zu ge­hen. Weil der Prinz sei­nem Va­ter auf dem Thron nach­fol­gen soll­te, war es Pan Ku auf­ge­ge­ben, den Jun­gen al­les zu leh­ren, um spä­ter ein gu­ter Herr­scher zu sein. So­bald der Prinz beim Tem­pel ein­ge­trof­fen war, schick­te ihn der Meis­ter al­lein in den Ming-Li- Wald. Nach ei­nem Jahr soll­te der Prinz zu­rück­kom­men und den Klang des Wal­des be­schrei­ben. Zu­rück­ge­kehrt for­der­te Pan Ku den Prin­zen Tai auf, al­les zu be­schrei­ben, was er ge­hört hat­te. „Meis­ter“, ant­wor­te­te der Prinz, „ich konn­te hö­ren, wie der Kuckuck ruft, die Blät­ter rau­schen, die Ko­li­bris sur­ren, die Gril­len zir­pen, das Gras weht, die Bie­nen sum­men und der Wind flüs­tert und tobt.“ Als der Prinz ge­en­det hat­te, schick­te ihn der Meis­ter er­neut in den Wald, um noch mehr zu er­lau­schen. Den Prin­zen ver­wirr­te das Ge­bot des Meis­ters. Hat­te er denn nicht schon je­den Laut wahr­ge­nom­men, den es im Wald zu hö­ren gab? Tag für Tag und Nacht für Nacht saß der jun­ge Prinz al­lein im Wald und lausch­te. Aber er hör­te kei­ne an­de­ren Klän­ge als die, die er schon ver­nom­men hat­te. Ei­nes Mor­gens je­doch saß der Prinz still un­ter den Bäu­men - und plötz­lich dran­gen ganz schwa­che Lau­te zu ihm, wie er sie zu­vor noch nie ge­hört hat­te. Und je ge­nau­er er hin­hör­te, de­sto kla­rer wur­den sie. Ein Ge­fühl der Er­leuch­tung er­griff den Jun­gen. „Das müs­sen die Klän­ge sein, die der Meis­ter von mir wahr­zu­neh­men wünsch­te“, über­leg­te er. Als der Prinz wie­der beim Tem­pel an­ge­kom­men war, frag­te ihn der Meis­ter, was er noch ge­hört habe. „Meis­ter“, ant­wor­te­te der Prinz ehr­fürch­tig, „als ich ganz ge­nau lausch­te, konn­te ich vor­her nie Ge­hör­tes hö­ren - den Klang sich öff­nen­der Blu­men­blü­ten, den Klang der Son­ne, die die Erde wärmt, und den Klang des Gra­ses, das den Mor­gen­tau trinkt.“ Der Meis­ter nick­te an­er­ken­nend. „Das Un­hör­ba­re hö­ren zu kön­nen“, be­merk­te Pan Ku, „ist als Fä­hig­keit bei ei­nem gu­ten Herr­scher un­ab­ding­bar.“ „Nur wenn ein Herr­scher ge­lernt hat, ge­nau auf die Her­zen der Men­schen zu hö­ren, und wenn er auch die Ge­füh­le ver­steht, die sie nicht mit­tei­len, die Schmer­zen, über die sie nicht spre­chen, und die Be­schwer­den, die sie nicht äu­ßern, kann er hof­fen, in sei­nem Volk Ver­trau­en zu er­we­cken, zu ver­ste­hen, was nicht stimmt und die wah­ren Be­dürf­nis­se sei­nes Vol­kes zu er­fül­len. Der Nie­der­gang von Staa­ten be­ginnt, wenn die Füh­rer nur auf flüch­ti­ge Wor­te hö­ren und sich nicht in die See­len der Men­schen hin­ein­ver­set­zen, um ihre wah­ren An­sich­ten, Ge­füh­le und Wün­sche her­aus­zu­hö­ren.“
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