Dienst­leis­ter­müs­sen produktiver werden

WENN DAS WACHSTUM GESICHERT WERDEN SOLL, MÜSSEN SICH DIE BESCHÄFTIGTEN IN DEN WISSENS- UND SERVICEINDUSTRIEN ERHEBLICH MEHR ANSTRENGEN:

HBM 2/1992


PE­TER F. DRU­CKER lehrt So­zi­al­wis­sen­schaft und Ma­na­ge­ment an der Cla­re­mont Gra­dua­te School in Cla­re­mont, Ka­li­for­ni­en. 1990 er­schi­en sein bis­lang neues­tes Buch „Ma­na­ging the Non­pro­fit Or­ga­ni­za­ti­on“ bei Har­per Col­lins.

Die Ma­na­ger in al­len hoch­ent­wi­ckel­ten Län­dern der Welt sind nach­drück­lich ge­for­dert: Sie müs­sen die Pro­duk­ti­vi­tät der in den Wis­sens- und Ser­vice­in­dus­tri­en Be­schäf­tig­ten dras­tisch er­hö­hen. In den kom­men­den Jahr­zehn­ten wird die­se Her­aus­for­de­rung an die ers­te Stel­le der Füh­rungs­prio­ri­tä­ten rücken und letzt­lich über die Wett­be­wer­bs­fä­hig­keit der Un­ter­neh­men ent­schei­den. Noch weit wich­ti­ger: Das ge­sell­schaft­li­che Ge­fü­ge und die Le­bens­qua­li­tät je­der In­dus­trie­na­ti­on wer­den da­von be­stimmt sein, ob die­se Her­aus­for­de­rung be­wäl­tigt wird. In den ver­gan­ge­nen 120 Jah­ren stieg die Pro­duk­ti­vi­tät bei der Her­stel­lung und Be­we­gung von Gü­tern in den In­dus­tri­e­län­dern um jähr­lich drei bis vier Pro­zent, im gan­zen um das 45fache. Und just auf die­sem ex­plo­si­ven Wachs­tum be­ruht der Wohl­stand, des­sen sich die­se Na­tio­nen und ihre Bür­ger er­freu­en kön­nen: enor­me Stei­ge­run­gen bei den ver­füg­ba­ren Ein­kom­men und der Kauf­kraft; ein sich stän­dig aus­wei­ten­der Zu­gang zu Bil­dung und Ge­sund­heits­ver­sor­gung; An­spruch auf ein Maß an Frei­zeit, das vor 1914 nur die Ari­sto­kra­ten und die „mü­ßi­gen Rei­chen“ kann­ten; alle an­de­ren ar­bei­te­ten min­des­tens 3000 Stun­den jähr­lich. (Heu­te ar­bei­ten selbst die Ja­pa­ner im Jahr nicht mehr als 2000 Stun­den, wo­ge­gen es die Ame­ri­ka­ner im Schnitt auf 1800 und die Deut­schen auf 1650 Stun­den brin­gen.) Jetzt be­gin­nen sich die­se Stei­ge­rungs­ra­ten aus­ein­an­der zu ent­wi­ckeln, aber nicht weil die Pro­duk­ti­vi­tät in der Gü­ter­her­stel­lung und -be­we­gung zu­rück­ge­gan­gen wäre. Denn im Ge­gen­satz zu ei­ner ver­brei­te­ten An­sicht steigt die Pro­duk­ti­vi­tät dort nach wie vor in ei­nem un­ge­fähr glei­chen Schritt­maß. Und sie wächst in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten nicht we­ni­ger als in Ja­pan oder Deutsch­land. Tat­säch­lich stieg die Pro­duk­ti­vi­tät der ame­ri­ka­ni­schen Fer­ti­gungs­in­dus­trie m den 80er Jah­ren mit etwa 3,9 Pro­zent per anno, in ab­so­lu­ten Zah­len stär­ker als in Ja­pan und Deutsch­land. Selbst die jähr­li­che Pro­duk­ti­vi­täts­zu­nah­me der ame­ri­ka­ni­schen Land­wirt­schaft, vier bis fünf Pro­zent, ist bei wei­tem die größ­te, die je für ein Land ver­zeich­net wur­de. Aber die­se Pro­duk­ti­vi­täts­re­vo­lu­ti­on ist zu Ende. Denn heu­te sind zu we­ni­ge Men­schen mit der Her­stel­lung von Gü­tern be­schäf­tigt, als daß ihre Pro­duk­ti­vi­tät noch ent­schei­dend wäre. In ent­wi­ckel­ten Volks­wirt­schaf­ten ste­hen sie ins­ge­samt nur noch für ein Fünf­tel der ar­bei­ten­den Be­völ­ke­rung. Vor nur 30 Jah­ren war es fast die Mehr­heit. Selbst Ja­pan, ein noch im­mer fer­ti­gungs­in­ten­si­ves Land, kann sein wirt­schaft­li­ches Wachs­tum heu­te nicht mehr durch stei­gen­de Pro­duk­ti­vi­tät in die­sem Sek­tor auf­recht­er­hal­ten. Tat­säch­lich ist eine star­ke Mehr­heit der be­rufs­tä­ti­gen Be­völ­ke­rung Ja­pans in Be­rei­chen be­schäf­tigt, die eng mit Wis­sen und Ser­vice zu tun hat­ten, Be­rei­chen mit ei­ner eben­so nied­ri­gen Pro­duk­ti­vi­tät wie in al­len an­de­ren In­dus­trie­na­tio­nen. Dar­um muß die ers­te wirt­schaft­li­che Prio­ri­tät der In­dus­tri­e­län­der dar­in be­ste­hen, die Pro­duk­ti­vi­tät in den Wis­sens- und Dienst­leis­tungs­be­rei­chen zu er­hö­hen. Das Land wird im kom­men­den Jahr­hun­dert wirt­schaft­lich do­mi­nie­ren, dem dies zu­erst ge­lingt. Die drin­gends­te so­zia­le Her­aus­for­de­rung für die hoch­ent­wi­ckel­ten Län­der ist je­doch, mehr Pro­duk­ti­vi­tät bei den Dienst­leis­tun­gen zu er­rei­chen. Wird die­se Her­aus­for­de­rung nicht be­wäl­tigt, so wird sich die ent­wi­ckel­te Welt wach­sen­den so­zia­len Span­nun­gen, zu­neh­men­der Po­la­ri­sie­rung und Ra­di­ka­li­sie­rung so­wie mög­li­cher­wei­se so­gar Klas­sen­kampf ge­gen­über­se­hen. In den hoch­ent­wi­ckel­ten Volks­wirt­schaf­ten bie­ten sich in zu­neh­men­dem Maß Kar­rie­re- und Be­för­de­rungs­chan­cen nur noch Men­schen mit ho­hem Aus­bil­dungs­grad, je­nen, die für wis­sens­be­ton­te Ar­beit qua­li­fi­ziert sind. Aber die­se Män­ner und Frau­en wer­den im­mer eine Min­der­heit bil­den, an Zahl stets von den Leu­ten über­trof­fen, de­nen es an Qua­li­fi­ka­ti­on für al­les fehlt, au­ßer für sim­ple Ser­vice­ver­nich­tun­gen. Das sind Men­schen, die sich ih­rem so­zia­len Sta­tus nach mit den „Pro­le­ta­ri­ern“ des 19. Jahr­hun­derts ver­glei­chen las­sen, je­nen schlecht ge­bil­de­ten und nicht aus­ge­bil­de­ten Mas­sen, die sich in den ex­plo­si­ons­ar­tig wach­sen­den In­dus­trie­städ­ten tum­mel­ten und in die Fa­bri­ken ström­ten.
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