Soll der Chefmit Lob regieren?

DIE DEVISE „DU SOLLST DEINE MITARBEITER ÖFTER MAL LOBEN “ IST EHER ZYNISCH ALS SINNVOLL:

HBM 4/1990


DR. REIN­HARD K. SPREN­GER ist Per­so­nal­ent­wick­ler und Ma­na­ge­ment­trai­ner in Es­sen. Im Früh­jahr 1991 wird sein Buch „Das Elend der Mo­ti­va­ti­on“ im Cam­pus-Ver­lag her­aus­kom­men.

Zu­ge­ge­ben: Vie­le Men­schen ver­spü­ren an ih­rem Ar­beits­platz ein De­fi­zit an An­er­ken­nung - aber ver­spü­ren sie des­halb auch ein „Lob­de­fi­zit“? Skep­sis ist an­ge­bracht, denn Lo­ben ist - bei ge­nau­e­rem Hin­se­hen - ein sehr zwie­späl­ti­ges, tücki­sches Ver­hal­ten, des­sen ver­häng­nis­vol­le Wir­kung nicht so­fort zu­ta­ge tritt, aber un­ter Um­stän­den dem Vor­ge­setz­ten-Mit­ar­bei­ter-Ver­hält­nis mehr scha­det als nützt. Das gilt es ge­nau­er zu er­läu­tern. Of­fen­bar be­steht ein Lob­di­lem­ma: Lobt der Vor­ge­setz­te nie­mals, be­kla­gen sich die Mit­ar­bei­ter lobt er zu oft (die be­rüch­tig­te Lob­hu­de­lei), so wird sein Lob nicht ernst ge­nom­men. Aber wie oft ist „zu oft“ ? Von Mit­ar­bei­ter zu Mit­ar­bei­ter und von Si­tua­ti­on zu Si­tua­ti­on dürf­te das sehr un­ter­schied­lich sein. Oh­ne­hin ist das Ge­rech­tig­keits­pro­blem nicht lös­bar. Was bei dem einen auf­fällt und Lob fin­det, wird bei dem an­de­ren wo­mög­lich über­se­hen. „Mit je­dem Or­den, den ich ver­lei­he, schaf­fe ich mir 99 Nei­der und einen Un­dank­ba­ren“, ver­mu­te­te schon Lud­wig XIV. Ein kaum lös­ba­rer Teu­fels­kreis des „Wie man's macht, macht man's falsch“. Auch ein an­de­rer großer Füh­rungs­psy­cho­lo­ge der Ver­gan­gen­heit wuß­te dar­um - Je­sus, der sei­ne An­hän­ger nie lo­ben moch­te.
Kom­pen­sa­to­ri­sches Lob
Sie ken­nen wohl auch die Si­tua­ti­on, in der Sie ein Lob ei­gent­lich ab­leh­nen woll­ten, weil Sie dem Lo­ben­den die Kom­pe­tenz zu Lo­ben ein­fach nicht zu­ge­ste­hen moch­ten oder weil der Chef Ih­ren Vor­schlag so de­for­mier­te, daß sein Lob fast wie eine Ver­höh­nung klang. Und mög­lich, daß Ih­nen sein Ver­hal­ten ge­fühls­mä­ßig gleich als „kom­pen­sa­to­ri­sches Lob“ vor­kam - ab­ge­lehnt ha­ben Sie es dann doch nicht, weil Ih­nen der Mut dazu fehl­te, viel­leicht dem Ge­bot fol­gend: Leh­ne nie ein Lob ab, selbst wenn du es nicht ha­ben willst. Wie auch je­man­den brüs­kie­ren, wenn er es ge­wiß „nur gut meint“? Und ge­nau so kann es ge­wollt sein: Lob engt die Hand­lungs­frei­heit des Mit­ar­bei­ters ein. Wer aber kann sich schon ge­gen Lob weh­ren? Ma­ni­pu­liert und be­schämt steht der Ge­lob­te da, hilf­los sei­ner Frei­heit be­raubt. Mit Lob bringt man die Frei­heit um, es ist ein tücki­sches In­stru­ment und macht­voll dazu, ob­wohl schein­bar so un­schul­dig da­her­kom­mend. Sa­gen wir es noch et­was ge­nau­er: Zu­meist wird Lob in un­se­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen hoch­gra­dig ma­ni­pu­la­tiv ge­hand­habt. Man­cher wird sich schon da­bei er­tappt ha­ben, wie er sich nach ei­ner an­sons­ten an­ge­neh­men Un­ter­re­dung mit viel Lob und Strei­chel­ein­hei­ten un­de­fi­nier­bar ge­spannt und be­drückt fühl­te. Die Er­klä­rung ist denk­bar ein­fach: Un­merk­lich ist er mit Lob ma­ni­pu­liert wor­den - frei nach dem Mot­to „Zu­nächst kräf­tig hät­scheln und dann erst die Kat­ze aus dem Sack las­sen“ (Ab­leh­nung oder Kri­tik, „kon­struk­tiv“ na­tür­lich). Die Me­tho­de hat Tra­di­ti­on, ge­hen doch Lob und Ta­del als Won­ver­bin­dung schon seit je­her zu­sam­men. Spä­ter er­schi­en Ta­del dann wohl zu alt­vä­ter­lich und avan­cier­te zur Kri­tik. Das of­fen­bar we­ni­ger ver­däch­ti­ge Lob blieb, was es war: die bes­se­re Hälf­te von Zucker­brot und Peit­sche. Lob und Kri­tik, wie es nun heißt, ge­hö­ren un­trenn­bar zu­sam­men. Das Er­geb­nis liegt auf der Hand: eine ma­ni­pu­la­ti­ve Po­li­tik des Wech­sel­bads, die das Ab­hän­gig­s­ein des Mit­ar­bei­ters vom ge­ho­be­nen oder ge­senk­ten Dau­men des Chefs zwar et­was ab­wechs­lungs­rei­cher um­wölkt, aber kei­nes­wegs mil­dert und ganz ge­wiß nicht durch Klar­heit er­setzt. Lob de­ge­ne­riert zur Ou­ver­tü­re für die nach­fol­gen­de kon­struk­ti­ve Kri­tik, zur ge­spräch­stak­ti­schen Schmier­sei­fe. Ein wohl­fei­ler Kunst­griff, in der Re­gel schnell durch­schaut und so­mit al­len ei­ge­nen Wer­tes be­raubt.
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