Kapital kontra Know-how

GESELLSCHAFT:

HBM Oktober 2003

In sei­nem Ro­man „Die Früch­te des Zorns“ be­schreibt John Stein­beck die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem Päch­ter ei­ner Farm und ei­nem Trak­tor­fah­rer, der das Haus des Far­mers ab­rei­ßen will, weil die­ser einen Bank­kre­dit nicht zu­rück­zah­len kann. Der Far­mer droht dem Fah­rer, ihn nie­der­zu­schie­ßen, so­bald er sei­nem Haus zu nahe kom­me. Die­ser macht dem Far­mer je­doch klar, dass so­fort ein an­de­rer ge­schickt wür­de. „Du bringst nicht den Rich­ti­gen um“, sagt der Fah­rer. „Wer hat dir den Be­fehl ge­ge­ben?“ fragt der Far­mer. Der sei auch nicht der Rich­ti­ge, er­klärt der Fah­rer: „Er hat sei­nen Be­fehl auch nur von der Bank.“ Aber, fügt der Trak­tor­fah­rer hin­zu, es sei eben­falls völ­lig sinn­los, den Bank­prä­si­den­ten zu er­schie­ßen, weil der sei­ne An­wei­sun­gen „von der Ost­küs­te“ be­käme. „Aber wo hört das denn auf?“ fragt der Päch­ter. „Ich will nicht ster­ben, ehe ich den Mann um­ge­bracht habe, der mich aus­hun­gert.“ „Viel­leicht ist das Gan­ze nicht men­schen­ge­macht“, sagt der Fah­rer, „viel­leicht trägt tat­säch­lich das Ei­gen­tum an sich die Schuld.“
Einen Groß­teil des 20. Jahr­hun­derts kämpf­ten Ka­pi­tal und Ar­beit hef­tig um die Kon­trol­le in der in­dus­tria­li­sier­ten Wirt­schaft und in vie­len Län­dern auch um die über Re­gie­rung und Ge­sell­schaft.
Nach­dem die Wun­den die­ses ver­häng­nis­vol­len Klas­sen­kamp­fes kaum ver­heilt sind, ist mitt­ler­wei­le ein neu­er Kon­flikt aus­ge­bro­chen. Zwi­schen Ka­pi­tal­ge­bern und den Know-how-Trä­gern (eng­lisch: „tal­ents“) der Un­ter­neh­men ist Streit ent­brannt, und dies­mal geht es um die Ver­tei­lung der Ge­win­ne aus der Wis­sens­wirt­schaft. Die Un­ter­neh­men tru­gen im vo­ri­gen Jahr­hun­dert einen ge­wal­ti­gen Sieg über die Ge­werk­schaf­ten da­von. Gleich­wohl dürf­te es den An­teils­eig­nern dies­mal nicht so leicht fal­len, die von den Kopf­ar­bei­tern an­ge­zet­tel­te Re­vo­lu­ti­on zu stop­pen.
Die welt­weit wach­sen­de Em­pö­rung über die Be­zah­lung der Un­ter­neh­mens­chefs lässt erah­nen, wie hef­tig die Schlacht zwi­schen Ka­pi­tal­ver­tre­tern und den Schlüs­se­lan­ge­stell­ten aus­fal­len könn­te. Die meis­ten Ak­tio­näre murr­ten zwar, zeig­ten aber Ver­ständ­nis für den An­stieg der Ge­samt­ver­gü­tung der Vor­stän­de in den USA zwi­schen 1991 und 2000 um im Schnitt 434 Pro­zent. Schließ­lich wa­ren die An­le­ger eben­falls reich ge­wor­den, weil die Un­ter­neh­mens­ge­win­ne ge­stie­gen wa­ren und die Ak­ti­en­märk­te boom­ten.
Auf­ge­bracht rea­gier­ten sie je­doch 2001, als sie mit ei­nem 35-pro­zen­ti­gen Rück­gang der Un­ter­neh­mens­ge­win­ne und ei­nem 13-pro­zen­ti­gen Kurs­rück­gang der Standard&Poor''s-500-Ak­ti­en be­straft wur­den, wäh­rend die Ein­kom­men der Vor­stän­de kaum san­ken. Sie for­dern seit­her, die Ver­gü­tun­gen zu be­schrän­ken und das Jahr­zehnt der durch nichts zu recht­fer­ti­gen­den Gier zu be­en­den. Dass vie­le Un­ter­neh­men mit Bi­lanz­pro­ble­men den­noch eine um­strit­te­ne Ver­gü­tungs­po­li­tik ver­fol­gen, hat die An­le­ger in ih­ren Ar­gu­men­ten nur be­stärkt.

© 2003 Har­vard Busi­ness­ma­na­ger
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