Kampf dem Unerwarteten

KRISENMANAGEMENT:

HBM Juni 2003

Der 29. April 1995 war kein gu­ter Tag für den Öl­kon­zern Roy­al Dutch/Shell. An je­nem Mor­gen be­setz­te eine klei­ne Grup­pe von Green­pe­ace-Ak­ti­vis­ten die „Brent Spar“, eine aus­ge­dien­te Bohr­in­sel in der Nord­see, wel­che die bri­ti­sche Shell ver­sen­ken woll­te. Die Um­welt­schüt­zer brach­ten Jour­na­lis­ten der eu­ro­päi­schen Me­di­en mit, die bes­tens aus­ge­rüs­tet wa­ren, um das Dra­ma an die Öf­fent­lich­keit zu brin­gen. Die Green­pe­ace-Leu­te kün­dig­ten an, sie woll­ten Shells Vor­ha­ben, die „Spar“ zu ver­sen­ken, blo­ckie­ren. Sie ar­gu­men­tier­ten, die ge­rin­gen Men­gen schwach ra­dio­ak­ti­ver Rück­stän­de in den Spei­cher­tanks der Platt­form wür­den der Um­welt scha­den. Die Um­welt­schüt­zer hat­ten sich für die Ope­ra­ti­on den denk­bar güns­tigs­ten Zeit­punkt aus­ge­sucht: ge­nau einen Mo­nat be­vor sich die Um­welt­mi­nis­ter der Eu­ro­päi­schen Uni­on tref­fen woll­ten, um über die Ver­schmut­zung der Nord­see zu dis­ku­tie­ren.
Shell ging in Win­desei­le vor Ge­richt und ver­klag­te Green­pe­ace mit Er­folg we­gen un­be­fug­ten Be­tre­tens. Im vol­len Schein­wer­fer­licht der Me­di­en wur­den die Ak­ti­vis­ten ge­walt­sam von der Platt­form ge­holt. Da­nach be­schoss Shell wo­chen­lang vor lau­fen­den Ka­me­ras Green­pe­ace-Boo­te mit Was­ser­wer­fern, um die Grup­pe an ei­ner er­neu­ten Be­set­zung der „Spar“ zu hin­dern. Es war ein PR-Alp­traum - und es wur­de im­mer schlim­mer. In ganz Eu­ro­pa wuchs der Wi­der­stand ge­gen Shell und die Plä­ne des Öl­kon­zerns, die Platt­form zu ver­sen­ken. In Deutsch­land wur­de ein Boy­kott der Shell-Tank­stel­len or­ga­ni­siert, vie­le Tank­stel­len wur­den mit Mo­lo­tow-Cock­tails oder auf an­de­re Wei­se ver­wüs­tet. Von der Pres­se an­ge­pran­gert und von den Re­gie­run­gen kri­ti­siert, ka­pi­tu­lier­te Shell schließ­lich. Am 20. Juni gab die Öl­ge­sell­schaft den Plan auf, die „Spar“ zu ver­sen­ken.
Die un­ko­or­di­nier­te und letzt­lich sinn­lo­se Re­ak­ti­on auf den Green­pe­ace-Pro­test of­fen­bar­te einen Man­gel an Vor­aus­sicht und Pla­nung. Die Be­set­zung der „Spar“ hat­te die Öl­ge­sell­schaft ein­deu­tig kalt er­wi­scht. Aber hät­te die­se böse Über­ra­schung sein müs­sen? Shell hat­te ei­gent­lich alle er­for­der­li­chen In­for­ma­tio­nen, um vor­aus­zu­se­hen, was ge­sche­hen wür­de. Shells ei­ge­ne Si­cher­heits­be­ra­ter hiel­ten es für mög­lich, dass Um­weltak­ti­vis­ten ver­su­chen wür­den, die Ver­sen­kung zu blo­ckie­ren. An­de­re Öl­ge­sell­schaf­ten hat­ten so­gar pro­tes­tiert, als Shell sei­ne Plä­ne zum ers­ten Mal ver­kün­de­te, weil sie Wi­der­stand be­fürch­te­ten. Green­pe­ace hat­te in der Ver­gan­gen­heit schon mehr­mals um­welt­ge­fähr­den­de An­la­gen be­setzt. Und die „Spar“ war ein über­aus of­fen­sicht­li­ches Ziel. Mit 14 500 Ton­nen Ge­wicht war sie eine der größ­ten Offs­ho­re-An­la­gen der Welt und zu­dem eine der we­ni­gen Nord­see­platt­for­men mit großen Spei­cher­tanks, die gif­ti­ge Rück­stän­de ent­hiel­ten. Doch trotz al­ler Warn­zei­chen sah Shell das Un­heil nicht kom­men.

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