Der Arbeitsplatz wird zum Zuhause, das Zuhause zum Arbeitsplatz

HBM 3/1998

Pro­ble­ma­ti­schen Zeit­druck gibt es im Be­rufs­le­ben wie in der Fa­mi­lie. Da­mit müs-sen Er­wer­bs­tä­ti­ge fer­tig­wer­den, egal auf wel­cher Ebe­ne ei­nes Un­ter­neh­mens sie ar­bei­ten. Zwar sol­len „fa­mi­li­en­freund­li­che“ Maß­nah­men, wie sie zahl­rei­che Fir­men frei­wil­lig an­bie­ten, für Ent­las­tung sor­gen. Doch nur ein Teil der Be­trof­fe­nen macht von ih­nen auch tat­säch­lich Ge­brauch. Wa­rum ist das so? Al­lem An­schein nach ver­bringt eine große An­zahl be­rufs­tä­ti­ger Men­schen viel Zeit am Ar­beits­platz - und das oft lie­ber als zu Hau­se: Of­fen­kun­dig hat in den in­dus­tria­li­sier­ten Ge­sell­schaf­ten ein tief­grei­fen­der Wer­te­wan­del statt­ge­fun­den. Vie­le Men­schen füh­len sich an ih­rem Ar­beits­platz woh­ler als zu Hau­se. Frei­zeit und Be­ruf sind nicht mehr im Gleich­ge­wicht. Was be­deu­tet das für die Be­trof­fe­nen? Wel­che Aus­wir­kun­gen zei­gen sich be­reits in Wirt­schaft und Ge­sell­schaft? Der Bei­trag ba­siert auf der gründ­li­chen Feld­for­schung der Au­to­rin in ei­nem großen US-Un­ter­neh­men der For­tu­ne-500-Lis­te.
Amer­co ist der fik­ti­ve Name ei­nes sehr pro­fi­ta­blen, in­no­va­ti­ven Un­ter­neh­mens (sie­he Kas­ten 1). Weil es we­der an Geld noch an gu­tem Wil­len fehl­te, star­te­te es den Ver­such, die Ta­ges­ab­läu­fe der Be­leg­schafts­mit­glie­der neu zu or­ga­ni­sie­ren. Das Work-Life-Ba­lan­ce-Pro­gramm von Amer­co hät­te auch mo­dell­haft wer­den kön­nen, in­dem es an­de­ren Un­ter­neh­men zeigt, wie sich die Fä­hig­kei­ten der Be­schäf­tig­ten ef­fek­tiv nut­zen las­sen, ohne die­se Men­schen und ihre Fa­mi­li­en zu stra­pa­zie­ren. Doch die Rech­nung ging nicht auf. Wie­so nicht?
Die Ant­wort ist viel­schich­tig. Da wa­ren zum einen jene, vor al­lem Fa­brik­ar­bei­ter und -ar­bei­te­rin­nen, die gar nicht kür­zer ar­bei­ten woll­ten, ent­we­der weil sie den vol­len Ver­dienst zum Le­ben brauch­ten oder weil sie be­fürch­te­ten, ih­ren Job zu ver­lie­ren. Zum an­de­ren gab es die Ar­bei­ter in ei­ni­gen Toch­ter­fir­men, die - ob­wohl es dazu bei Amer­co noch kei­nen An­laß gab - die Sor­ge er­füll­te, aus „gu­ten“ Teil­zeit­jobs könn­ten je­der­zeit „schlech­te“ wer­den, ohne Ver­güns­ti­gun­gen oder Ar­beits­platz­si­cher­heit.
Selbst bei de­nen, die sol­che Be­sorg­nis­se nicht teil­ten, konn­te der Druck von Kol­le­gen oder Vor­ge­setz­ten, sich als ein „ernst­haf­ter Mit­spie­ler“ zu er­wei­sen, je­den Wunsch nach kür­ze­rer Ar­beits­zeit er­sti­cken. Und die klei­ne Zahl de­rer, die sich ent­schlos­sen, tat­säch­lich we­ni­ger zu ar­bei­ten, ris­kier­te da­mit, Mit­tel­ma­na­gern zu be­geg­nen, die Maß­nah­men zur Ar­beits­zeit­ver­kür­zung ab­lehn­ten. Aber all die­se Hin­de­rungs­grün­de rei­chen zur Er­klä­rung nicht aus, wa­rum be­rufs­tä­ti­ge El­tern bei Amer­co sich der Be­ein­träch­ti­gung ih­res Fa­mi­li­en­le­bens durch die Ar­beits­zeit kaum wi­der­setz­ten.
Vie­le Ein­zel­tei­le des Puzz­les, mit dem sich eine Ba­lan­ce zwi­schen Ar­beits- und Fa­mi­li­en­zeit er­ge­ben soll­te, schie­nen bei Amer­co vor­han­den zu sein - aber sie blie­ben un­zu­sam­men­ge­setzt. Vie­le Tei­le wa­ren in der Hand der mäch­ti­gen Per­so­nen an der Spit­ze der Un­ter­neh­mens­hier­ar­chie; die­se Leu­te wa­ren zwar be­fugt und kom­pe­tent, eine neue, fa­mi­li­en­freund­li­che Ar­beits­kul­tur zu ge­stal­ten, be­sa­ßen aber kei­ner­lei tiefe­res In­ter­es­se dar­an. Über an­de­re Tei­le ver­füg­ten die Für­spre­cher von fa­mi­li­en­freund­li­chen Maß­nah­men auf der Un­ter­neh­mens­lei­ter wei­ter un­ten. Doch sie hat­ten, ob­schon an ent­spre­chen­den Ver­än­de­run­gen sehr in­ter­es­siert, zu we­nig Ein­fluß, um sie zu rea­li­sie­ren.
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