Vom Widersinn der Quar­tals­be­rich­te

HBM 6/2001

Por­sche-Chef Wen­de­lin Wie­deking hat die Quar­tals­zah­len in Deutsch­land zum The­ma ge­macht. Klar war schon vor­her: Fast je­des bör­sen­no­tier­te Un­ter­neh­men lei­det un­ter dem Zwang, die Ent­wick­lung sei­nes Ge­schäfts vier­mal im Jahr zu ei­ner ein­zi­gen Zahl ver­dich­ten zu müs­sen: dem Ge­winn. Aus die­ser Fi­xie­rung re­sul­tie­ren je­doch ver­zerr­te Ent­schei­dun­gen bei Füh­rungs­kräf­ten und An­le­gern eben­so wie bei Ana­lys­ten und Wirt­schafts­prü­fern. Zu­dem wer­den Top­ma­na­ger ver­sucht, den ge­mel­de­ten Vier­tel­jah­res­ge­winn ex­akt nach den Er­war­tun­gen der An­le­ger und den Schät­zun­gen der Ana­lys­ten zu „ge­stal­ten“ - durch krea­ti­ves Stra­pa­zie­ren ein­schlä­gi­ger Re­geln der Buch­füh­rung. Da­bei kann der alle drei Mo­na­te aus­ge­wie­se­ne Ge­winn gar kein Spie­gel der wah­ren Leis­tungs­fä­hig­keit ei­nes Un­ter­neh­mens sein. Wie nur konn­te die­se eine Kenn­zahl zu der­art großer Be­deu­tung ge­lan­gen? Der Au­tor schil­dert das Spiel um die Quar­tals­zah­len, die Be­weg­grün­de der Mit­spie­ler so­wie die öko­no­misch be­denk­li­chen Fol­gen.
Im Her­bst 2000 konn­te S. R. One, die haus­ei­ge­ne Wag­nis­ka­pi­tal-Ge­schäfts­ein­heit des da­mals noch als Smit­h­Kli­ne Beecham fir­mie­ren­den Kon­zerns, bei ih­ren Bio­tech-Be­tei­li­gun­gen höchst be­ein­dru­cken­de Kurs-ge­win­ne ver­zeich­nen. S.-R.-One-Chefin Bren­da Ga­vin nahm frei­lich an - zu Recht, wie sich spä­ter her­aus­stel­len soll­te -, dass die Kur­se für Bio­tech-Wer­te an­nä­hernd ih­ren Gip­fel er­reicht hät­ten. Des­halb be­ab­sich­tig­te sie, die­se Be­tei­li­gun­gen ab­zu­sto­ßen und da­mit Smit­h­Kli­ne be­zie­hungs­wei­se des­sen Ak­tio­nären or­dent­li­che Ge­winn­mit­nah­men zu si­chern. Als der Plan je­doch den Kon­zern­her­ren zu Oh­ren kam, woll­ten die da­von nichts wis­sen. Wie Ga­vin sagt: „Die Bot­schaft aus der Zen­tra­le lau­te­te klar: ,Kein zu­sätz­li­cher Dol­lar Ge­winn''.“
Muss es nicht un­ge­wöhn­lich er­schei­nen, dass ein Un­ter­neh­men eine ab­so­lut si­che­re Chan­ce, mehr Geld zu ver­die­nen, ein­fach aus­lässt? Kei­nes­falls, denn tat­säch­lich ist das in der ame­ri­ka­ni­schen Ge­schäfts­welt durch­aus üb­lich. Un­ter­neh­men, die „gute Zah­len ab-lie­fern“ wol­len - was be­deu­tet, dass sie ge­nau die Quar­tals­er­geb­nis­se aus­wei­sen, die Ana­lys­ten von ih­nen er­war­ten -, ver­mei­den häu­fig Trans­ak­tio­nen, die die­se Er­geb­nis­se über­tref­fen oder un­ter­schrei­ten wür­den. Wa­rum?
Im ge­schil­der­ten Fall hat­ten die Er­b­sen­zäh­ler in der Smit­h­Kli­ne-Zen­tra­le min­des­tens zwei zwin­gen­de Grün­de, ge­nau den von Ana­lys­ten er­war­te­ten Ge­winn pro Ak­tie zu ver­kün­den, doch kei­nen Cent mehr oder we­ni­ger: Ers­tens soll­te das Er­rei­chen des pro­gno­s­ti­zier­ten Werts der In­ves­to­ren­ge­mein­de si­gna­li­sie­ren, dass sich das Kern­ge­schäft von Smit­h­Kli­ne wie vor­aus­ge­sagt ohne grö­ße­re Ab­wei­chun­gen von der Ge­schäftss­tra­te­gie oder Ver­än­de­run­gen im Ge­schäftsum­feld ent­wi­ckelt. Eben­so wich­tig war zwei­tens: Wür­den die Er­war­tun­gen der Ana­lys­ten für das vier­te Quar­tal 2000 über­trof­fen, hät­te das zur Fol­ge, dass der Kon­zern de­ren Er­war­tun­gen für das vier­te Quar­tal 2001 nur schwer er­fül­len könn­te. Hin­zu kommt: Den Er­war­tun­gen der Ana­lys­ten, dass die Ge­win­ne ste­tig stei­gen, zu ge­nü­gen, ist für vie­le Un­ter­neh­men ein Ge­bot, das selbst über dem Ge­bot steht, sei­nen Ak­tio­nären höchst­mög­li­che Er­trä­ge zu lie­fern. So kam es zu der selt­sam an­mu­ten­den Or­der an Ga­vin, die Mil­lio­nen an Kurs­ge­win­nen nicht zu rea­li­sie­ren.

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