Ein schwieriger Auftrag

FALLSTUDIE:

HBM Januar 2019

Claus Sel­ke biss ge­ra­de herz­haft in sein Kör­ner­bröt­chen, als sein Smart­pho­ne vi­brier­te. Er fin­ger­te es aus sei­ner In­nen­ta­sche, ent­sperr­te es mit ei­ner Hand: 13 neue Pu­shnach­rich­ten, mehr­heit­lich über sei­nen Ar­beit­ge­ber, die Molt­ke AG.
„All­gäu­er Le­bens­mit­tel­kon­zern er­neut bes­ter Ar­beit­ge­ber Deutsch­lands“, „Best-Work-Award für Molt­ke“ oder „Bei Molt­ke ist Work-Life-Ba­lan­ce Rea­li­tät“, so lau­te­ten die Zei­len bei den So­ci­al-Me­dia-Diens­ten Xing, Twit­ter oder Lin­ke­dIn, dar­un­ter jede Men­ge Herz­chen, Likes und Kom­men­ta­re.
„Schö­ne neue Me­dien­welt“, mur­mel­te der Ma­na­ger, spül­te die letz­ten Bis­sen sei­nes Früh­stücks mit Kaf­fee hin­un­ter und scroll­te sich dann durch die Nach­rich­ten. „Die tei­len auch jede Pres­se­mit­tei­lung un­ge­prüft“, brumm­te er vor sich hin. Sel­ke, seit 17 Jah­ren bei dem Le­bens­mit­tel­kon­zern, wun­der­te sich im­mer noch über das po­si­ti­ve öf­fent­li­che Image sei­nes Ar­beit­ge­bers, den er in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so ganz an­ders er­lebt hat­te.
Sei­ne Toch­ter Anne, die ihm an die­sem Mor­gen in der hei­mi­schen Kü­che beim Früh­stück Ge­sell­schaft leis­te­te, mus­ter­te ihn kri­tisch.
„Ich ver­ste­he nicht, wie du das aus­hältst, Papa“, sag­te sie. „Die­se Ge­gen­sät­ze sind so hef­tig: ei­ner­seits nach au­ßen hin das Vor­zei­ge­un­ter­neh­men, das stän­dig mit ir­gend­was aus­ge­zeich­net wird, und an­de­rer­seits die­se ewi­ge Kun­den­ver­äp­pe­lung und die­ses kras­se Macht­ge­ran­gel.“
Ihr Va­ter run­zel­te die Stirn. Sei­ne klu­ge Toch­ter – wie­der ein­mal hat­te sie mit nur ei­ner Be­mer­kung den Na­gel auf den Kopf ge­trof­fen. Sel­ke konn­te stolz auf sei­ne Äl­tes­te sein, die 23-Jäh­ri­ge hat­te vor Kur­z­em ih­ren Mas­ter in In­ter­na­tio­na­lem Ma­na­ge­ment mit Aus­zeich­nung be­stan­den und be­rei­te­te sich mo­men­tan auf ih­ren ers­ten Job bei ei­ner NGO in Lon­don vor.
In die­sem Au­gen­blick öff­ne­te sie einen Molt­ke-Jo­ghurt der Sor­te Erd­bee­re, schob sich einen Löf­fel voll in den Mund und schimpf­te wei­ter: „Und dann sieh dir mal die­ses Pro­dukt an, drin­nen wie ge­habt die glei­che ge­frier­ge­trock­ne­te, che­mie­ge­tränk­te Jo­ghurt­mas­se, aber in ei­nem hy­per­mo­der­nen Be­cher, be­druckt mit rie­si­gen tiefro­ten Erd­bee­ren, der durch sei­ne hö­he­re Form mehr In­halt sug­ge­riert, was – wie wir ja bei­de wis­sen – de­fi­ni­tiv nicht der Fall ist.“
Sel­ke konn­te nur zu­stim­mend ni­cken. „Ich weiß, Anne, ich weiß.“
Die Molt­ke AG mit Haupt­sitz bei Kemp­ten war in den ver­gan­ge­nen fünf Jahr­zehn­ten von ei­ner klei­ne­ren mit­tel­stän­di­schen Mol­ke­rei zu ei­nem in­tern­tio­nal ope­rie­ren­den Le­bens­mit­tel­kon­zern mit rund 19.000 Mit­ar­bei­tern her­an­ge­wach­sen, der im DACH-Raum, den Be­ne­lux­staa­ten, Groß­bri­tan­ni­en und Ita­li­en ak­tiv war. Die Pro­duk­te reich­ten von Milch- und Sau­er­mil­cher­zeug­nis­sen bis hin zu Käse, Smoo­thies und In­stant-Kaf­fee-Va­ria­tio­nen. In den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten war die Molt­ke AG über Zu­käu­fe stark ge­wach­sen und un­ter­hielt ne­ben der Pro­duk­ti­on von Le­bens­mit­teln auch eine ei­ge­ne Ver­pa­ckungs­fa­brik so­wie eine Schnell­re­stau­rant­ket­te. Wirt­schaft­lich war der Kon­zern auch im ver­gan­ge­nen Jahr er­folg­reich – mit rund 2,8 Mil­li­ar­den Euro Um­satz und ei­nem Ge­winn von rund 910 Mil­lio­nen Euro –, wes­halb der Auf­sichts­rat auch vor Kur­z­em erst den Ver­trag des Vor­stands­vor­sit­zen­den Jost Bücke­burg um wei­te­re fünf Jah­re ver­län­gert hat­te. Bücke­burg galt als Mann der Tat, ein An­trei­ber, der äu­ßerst ge­win­n­ori­en­tiert agier­te und sich der Er­fül­lung sei­ner Zie­le ganz und gar ver­schrieb. Das war die eine Sei­te der Me­dail­le.
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