Eiszeit im Projektraum

FALLSTUDIE:

HBM September 2018

Frei­ta­gnach­mit­tag, 15 Uhr, 27 Grad Au­ßen­tem­pe­ra­tur: Zeit für ein Eis. Alex­an­dra Kirch­ber­ger ba­lan­cier­te neun Ma­gnum auf ei­nem zer­kratz­ten Plas­tik­ta­blett, öff­ne­te mit dem rech­ten Ell­bo­gen die Tür des Pro­jek­traums im ers­ten Stock und schob sie mit der Hüf­te auf. Doch kaum hat­te sie den Raum be­tre­ten, be­reu­te sie ihre Idee. Denn das Zim­mer war leer, zu­min­dest fast. Ganz hin­ten rechts, dank der ge­schlos­se­nen Ja­lou­si­en kaum sicht­bar, sa­ßen zwei ih­rer Soft­wa­re­ent­wick­ler, hack­ten auf ihre Ta­sta­tu­ren ein und blick­ten nicht mal auf.
„Hal­lo zu­sam­men.“
Pe­ter Kratz­sch und Klaus Na­ger blick­ten kurz auf, nu­schel­ten et­was Un­ver­ständ­li­ches und tipp­ten wei­ter.
„Wo ist der Rest?“, frag­te Alex­an­dra.
Klaus rich­te­te sich auf, dreh­te sei­nen Stuhl in Rich­tung Tür. „Isa hat­te wie­der Schul­ter und ist frü­her ge­gan­gen. Und To­bi­as' Sohn kommt heu­te von sei­nem Schü­ler­aus­tausch zu­rück, da woll­te er ihn am Bus­bahn­hof ab­ho­len.“
„Und die Üb­ri­gen?“ Alex­an­dra deu­te­te nach links.
„Die Mar­ke­ting­fuz­zis, kei­ne Ah­nung.“
„Ihr seid ein Team mit ei­ner Dead­li­ne, wie­so wisst ihr nicht, wo eure Kol­le­gen sind? Ich bin bis ge­ra­de eben da­von aus­ge­gan­gen, dass ihr zu­sam­men ar­bei­tet.“
„Also der Küch­ler ist da, auch wenn er nicht ans Te­le­fon geht, wenn ich ihn an­ru­fe. Aber sein rosa Hemd war heu­te in der Kan­ti­ne nicht zu über­se­hen“, brumm­te Pe­ter hin­ter sei­nem Bild­schirm her­vor. „Wahr­schein­lich sit­zen sie oben auf dem Son­nen­deck und sind krea­tiv.“ Son­nen­deck war der in­ter­ne Be­griff für das sechs­te Ober­ge­schoss, die En­de­ta­ge des in die Jah­re ge­kom­me­nen Bü­ro­hau­ses am Rand des Frank­fur­ter Ban­ken­vier­tels.
„Ich woll­te mit euch über den ak­tu­el­len Sprint re­den und wie weit wir die­se Wo­che ge­kom­men sind – bei ei­nem Eis.“ Sie hob das Ta­blett an. „Schreibt den an­de­ren, sie sol­len run­ter­kom­men, aber zü­gig.“
Alex­an­dra setz­te sich an den run­den Be­spre­chungs­tisch am Fens­ter. Die 39-Jäh­ri­ge war vor ei­nem Jahr als Pro­jekt­lei­te­rin zum Bank­haus Bro­der ge­kom­men. Vor­her hat­te sie zehn Jah­re lang dar­an mit­ge­ar­bei­tet, bei ei­nem Ver­sand­haus eine mo­der­ne E-Com­mer­ce-Spar­te auf­zu­bau­en – mit Er­folg. Sie kann­te alle Me­tho­den des agi­len Ma­na­ge­ments und krea­ti­ver Ide­en­fin­dun­gen, dach­te vom Kun­den her. Sie war zwar kein Di­gi­tal Na­ti­ve, aber sehr gut ad­ap­tiert. Alex­an­dra galt als Hoff­nungs­trä­ge­rin im Bank­haus Bro­der: Das Kern­ge­schäft war seit Jah­ren rück­läu­fig. Nun such­te man nach neu­en di­gi­ta­len Ge­schäfts­be­rei­chen, die ohne kost­spie­li­ge Fi­lia­len aus­kom­men. Eine viel­ver­spre­chen­de Idee war der Zu­satz­ver­kauf von Fi­nan­zie­rungs­mo­del­len an Kun­den, die ge­ra­de eine grö­ße­re An­schaf­fung ge­tä­tigt hat­ten. Dazu soll­te die App der Bank um die­se Dienst­leis­tung er­wei­tert wer­den. Da die Bank im­mer stär­ker kun­den­zen­triert ar­bei­te­te, soll­te die App nicht wie bis­her von den Soft­war­e­in­ge­nieu­ren in ih­rer Ab­tei­lung ent­wi­ckelt wer­den, son­dern in en­ger Ko­ope­ra­ti­on mit dem Mar­ke­ting, das die User Ex­pe­ri­ence de­fi­niert und ge­stal­tet. Nach drei Mo­na­ten soll­te der ge­mein­sa­me Pro­to­typ fer­tig sein und dem Vor­stand vor­ge­stellt wer­den. Bis da­hin wur­de ein Pro­jek­traum für ein Team aus je­weils vier Ent­wick­lern und vier Mar­ke­ting­fach­leu­ten zur Ver­fü­gung ge­stellt und Alex­an­dra Kirch­ber­ger als Pro­jekt­lei­te­rin ein­ge­setzt. Sie woll­te die­se Chan­ce nut­zen und sich mit die­sem Pi­lot­pro­jekt für hö­he­re Wei­hen emp­feh­len.
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